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Mit Volldampf in die Moderne
Geschichte & Archäologie

Mit Volldampf in die Moderne

Die Welt der Menschen des viktorianischen Zeitalters änderte sich in einer Geschwindigkeit, wie man es in den Jahrhunderten zuvor nicht gekannt hatte. Dampfmaschinen betrieben nicht nur Maschinen, sondern auch Lokomotiven. Die Eisenbahn transportierte Güter und Menschen. Die Kommunikation beschleunigte sich erst…
Autor
Redaktion
30. April 2026
Lesezeit
24 Minuten
Rubrik
Geschichte & Archäologie
Die Welt der Menschen des viktorianischen Zeitalters änderte sich in einer Geschwindigkeit, wie man es in den Jahrhunderten zuvor nicht gekannt hatte. Dampfmaschinen betrieben nicht nur Maschinen, sondern auch Lokomotiven. Die Eisenbahn transportierte Güter und Menschen. Die Kommunikation beschleunigte sich erst durch die Telegraphie, später durch das Telefon. Doch von Fortschritt und Wirtschaftsboom profitierten längst nicht alle, viele mussten unter harschen Bedingungen ums Überleben kämpfen.

Technischer Triumph, menschliche Tragödie: An diesem 15. September 1830 lagen sie so eng beieinander, dass es vielen dem rasanten Fortschritt misstrauenden Zeitgenossen wie ein Menetekel erschien. Tausende Menschen hatten sich in Manchester, in Liverpool und an zahlreichen Orten dazwischen versammelt, um der feierlichen Einweihung eines Wunderwerks beizuwohnen: der rund 50 Kilometer langen Eisenbahnstrecke zwischen den beiden Industriemetropolen.

Als wäre die Geschwindigkeit, mit der dieses Verkehrsmittel, angetrieben von den fauchenden Maschinen des Ingenieurs George Stephenson, neuerdings Distanzen überwinden konnte, nicht staunenswert genug, setzte der Bau des Schienenstrangs neue Maßstäbe. Nicht weniger als 46 Brücken mussten gebaut werden; eine davon, der aus neun Bögen bestehende Sankey Viaduct, ist heute eines der beeindruckendsten mit dem Aufschwung der Eisenbahn assoziierten Industriedenkmäler.

Beide, die mit dem Oberbegriff locomotion bezeichneten Maschinen und die neuartige Infrastruktur, waren erkennbar Belege dafür, dass britische Ingenieurskunst auf der Welt ihresgleichen suchte. Und dass die neue Technologie der Fortbewegung auf eisernen Stangen, der railroad, sich unaufhaltsam entwickelte – gerade fünf Jahre nachdem erstmals Menschen (zusammen mit mehreren Tonnen Kohle) auf der kurzen Strecke von Stockton nach Darlington mit einer Eisenbahn gefahren waren.

Im ersten Zug, der von Liverpool aufbrach, befand sich der damalige Premierminister Großbritanniens, Arthur Wellesley, Herzog von Wellington. Dem einstigen Sieger über Napoleon bei Waterloo blieb es ebenso wie zahlreichen Zuschauern nicht erspart, eine Tragödie aus nächster Nähe mitansehen zu müssen, die einen Schatten auf einen Tag des Jubels warf. William Huskisson, Mitglied des House of Commons und ehemals britischer Kriegsminister, wurde bei dem Versuch, den Wagen des Premiers bei einem Zwischenstopp in Parkside zu besteigen, von einem entgegenkommenden Zug, dessen Lokomotive den Namen „The Rocket“ trug, erfasst. Wenige Stunden später starb Huskisson, das erste prominente Todesopfer (nach mehreren Heizern und Bauarbeitern) einer neuen Technologie.

Die Eisenbahn wurde die Erfindung des 19. Jahrhunderts schlechthin; sie war eine Technik, die Landschaften und Städte, vor allem aber das Lebensgefühl der Menschen veränderte wie keine andere. Mit ihr wurde Mobilität etwas Reales für alle. Bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein hatten viele Menschen kaum jemals den Sichtkreis des heimischen Kirchturms verlassen. Mit der Etablierung der Eisenbahn änderte sich das grundlegend und für immer. Der Herzog von Wellington, Zeuge bei Huskissons tödlichem Unfall, hatte eine (aus seiner Sicht) böse Vorahnung: Die Eisenbahn werde „die niedrigen Klassen dazu ermutigen, zu reisen“.

Die Eisenbahn ermöglicht allen Schichten eine neue Mobilität

Der alte General sollte mit seiner Prophezeiung recht behalten. Indem sie den Massen das Reisen ermöglichte, brach die Eisenbahn gesellschaftliche Schranken nieder und wurde eine der ganz großen Gleichmacherinnen der Geschichte: Auch die unteren sozialen Schichten konnten mobil werden. Zwar saßen der Besitzbürger und der Aristokrat in einem Waggon der Ersten Klasse, der Land- und der Industriearbeiter hingegen in der Vierten Klasse, die auf manchen frühen Bahnlinien noch ohne Verdeck oder Dach auskommen musste, was im Winter und bei Regen wenig komfortabel war. Doch alle Reisenden aus so unterschiedlichen Gesellschaftsschichten kamen zur gleichen Zeit an ihrem Ziel an und mussten fast die gleiche Menge an Ruß auf sich herabrieseln lassen, wenn man – vor allem in den besseren Klassen, deren Wagen oft direkt hinter der Lokomotive positioniert waren – den Fehler beging, die Fenster aufzumachen.

Nicht nur Menschen bewegten sich dank der wichtigsten Innovation des Zeitalters mit nie vorher erreichten Geschwindigkeiten, auch die Ausbreitung von Informationen erlebte eine Revolution. Seit den 1840er Jahren wurden Telegraphendrähte (meist in enger Nachbarschaft zu den Bahnschienen) übers Land gezogen; im darauffolgenden Jahrzehnt begann man mit der Verlegung des ersten transatlantischen Kabels, das am 16. August 1858 mit einer Nachricht von Königin Viktoria an den amerikanischen Präsidenten James Buchanan eingeweiht wurde.

Die Telegraphie beschleunigte die Nachrichtenübermittlung enorm, die Zeitungen – die einen ungeheuren Boom erlebten und ihrerseits zu einer besser informierten Bevölkerung beitrugen – waren jetzt wirklich aktuell. Auch die Kommunikation zwischen Regierungen oder zwischen dem Foreign Office und britischen Botschaften in der ganzen Welt erlebte einen Quantensprung.

Der Fortschritt war nicht aufzuhalten. Im Laufe der Regierungszeit Viktorias kamen unter anderem elektrisches Licht und Wassertoiletten, der Phonograph und das Telefon hinzu; das Fahrrad setzte sich nicht zuletzt dank der komfortableren Luftbereifung (seit 1888) durch und war vor allem ein bei Frauen beliebtes Fortbewegungsmittel.

Nicht alle Innovationen, die das Leben der Menschen veränderten, waren groß und aus Stahl wie Stephensons Lokomotiven (bei ihm kauften auch die ersten deutschen Bahngesellschaften) oder das gewaltige Dampfschiff „SS Great Eastern“, das Isambard Kingdom Brunel, der wahrscheinlich berühmteste Ingenieur Britanniens im Zeitalter der Industriellen Revolution, konstruierte.

Auch die Briefmarke ist eine Innovation der viktorianischen Zeit

Sie konnten klein, aus Papier und federleicht sein wie die erste Briefmarke, die 1840 als Penny Black erschien und mit einem Porträt der damals noch sehr jungen Viktoria versehen war. Briefe zu schreiben wurde jetzt für jedermann erschwinglich – auch die Unterschicht kommunizierte nun über größere Entfernungen.

Kontinuierliche Verbesserungen des Schulsystems hatten dazu geführt, dass um 1850 mehr als zwei Drittel der britischen Männer und rund die Hälfte der Frauen zumindest lesen, wenngleich nicht immer auch schreiben konnten. Zwischen 1851 und 1900 stieg die Alphabetisierungsrate der britischen Männer von 69,3 auf 97,2 Prozent, während bei den Frauen die Verbesserung mit einem Anstieg von 54,8 auf 96,8 Prozent noch deutlicher ausfiel.

Um die Mitte des Jahrhunderts wuchs das Bedürfnis, eine Leistungsschau der Innovationsfreudigkeit des eigenen Zeitalters abzuhalten, eine Exposition der größten Erfindungen und Neuerungen aus Industrie, Wissenschaft, Kunst und Kultur. Viktorias Gatte, Prinz Albert, wurde eine treibende Kraft dieses ersten Großereignisses der Moderne. Im Januar 1850 wurde eine Royal Commission gegründet, die das Projekt realisieren sollte. Die Great Exhibition öffnete im Mai 1851, nur 16 Monate später, pünktlich und ohne Belastung des britischen Steuerzahlers in London ihre Tore.

Sie war ein Event der Superlative, für den man ein Bauwerk, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte, im Hyde Park errichtete. Aus 293 655 Glasplatten, 330 Stützen und 2300 schmiedeeisernen Streben baute man den Crystal Palace, einen mehr als 600 Meter langen und rund 150 Meter in die Tiefe gehenden Glaspalast. Er war in London von Weitem sichtbar und löste beim Betrachter Gefühle zwischen ungläubigem Staunen und schierem Entsetzen angesichts seiner Dimensionen und der sich vielfach an seiner Oberfläche spiegelnden Lichtreflexe aus. Einige der im Hyde Park stehenden Bäume hatte man gefällt, andere blieben stehen und waren ein authentisches Stück Natur innerhalb des Bauwerks.

Diese erste Weltausstellung wurde ein voller Erfolg, zog ungeahnte Besucherzahlen an und kann als eine Geburtsstunde des Massentourismus gesehen werden. Der 1. Mai 1851 war der Tag der Einweihung. Tausende säumten die Straßen, als Königin Viktoria zur Eröffnung fuhr, nicht weniger als 20 000 Besucher stürmten bereits an diesem Tag den Crystal Palace. Die Straßen waren hoffnungslos verstopft, rund 3000 Kutschen suchten sich dem Hyde Park zu nähern. Die „Times“ stellte am nächsten Tag das Epochale, fast biblisch Monumentale an dem Ereignis heraus. Es sei „der erste Morgen seit der Schöpfung der Welt gewesen, an dem Menschen aus allen Teilen der Welt zusammenkamen und eine gemeinsame Handlung vornahmen“.

Es lag – und dies in einem Zeitalter des erwachenden Nationalismus – ein Hauch von Völkerverständigung, von Solidarität über Grenzen, Sprachbarrieren und auch Rassenschranken in der Luft. Und dies, obwohl das Vergnügen des Besuchs nicht gerade billig war: Der Preis einer Dauerkarte entsprach auf heute umgerechnet fast 400 Euro, die Tagestickets überstiegen immer noch die Möglichkeiten von Menschen aus der Arbeiterklasse. Immerhin: Mit Verlauf des Sommers und Beginn der Parlamentsferien gab es an bestimmten Wochentagen Eintrittskarten für nur einen Shilling.

Sechs Millionen Besucher bestaunen die rund 100 000 Exponate

Als die Great Exhibition am 15. Oktober zu Ende ging, hatten mehr als sechs Millionen Menschen die Veranstaltung besucht. Ihren Durst hatten viele davon mit den gekühlten und sprudelnden Getränken in den refreshment areas gestillt, für die ein gewisser Mr. Schweppe nach Erwerb einer Lizenz von 5000 Pfund das Monopol hatte.

Die Hauptattraktion der Ausstellung waren natürlich die rund 100 000 Exponate: Lokomotiven und Industriemaschinen, chirurgische und wissenschaftliche Instrumente wie ein riesiges Teleskop, Fotografien, Kunstgewerbe aus aller Welt und nicht zuletzt der Koh-i-Noor, der größte geschnittene Diamant der Welt, der sich bis heute im Besitz der königlichen Familie befindet.

Die technische Innovationsfreudigkeit des viktorianischen Zeitalters wurde von einem blühenden Kulturleben begleitet oder, besser gesagt, geschmückt. Fast zeitgleich mit der Great Exhibition begann die Ära der Präraffaeliten, einer Gruppe von Künstlern, die gegen die offiziellen Normen der Royal Academy rebellierten. Sie verlegten ihre Tätigkeit vielfach vom Atelier in die freie Natur und malten in leuchtenden, hellen Farben. Ein beliebtes Objekt waren Frauen – auf mystische Art schöne Frauen mit langen, offenen Haaren.

Gänzlich anders sehen indes Frauen auf den Bildern von Künstlern aus, die soziale Wirklichkeit auf ihre Leinwand brachten. George Frederic Watts um 1847 entstandenes Werk „Die Näherin oder Das Lied vom Hemde“ fängt die Erschöpfung und Verzweiflung einer Näherin ein, die bis in die frühen Morgenstunden arbeitet. Näherinnen arbeiteten oft bis zu drei Tage lang ohne Pause und erhielten kaum genug Lohn, um überleben zu können.

Künstler versuchen, Empathie für die Armen zu wecken

Manche viktorianische Künstler konnten selbst der Armut der Menschen in der Unterschicht einen Schimmer Hoffnung auferlegen wie Thomas Kennington, der auf seinem Gemälde „The Pinch of Poverty“ (siehe Abbildung Seite 105) aus dem Jahr 1891 eine hübsche kleine Blumenverkäuferin zeigt, die ihre Mutter und ihre Geschwister unterstützt, indem sie Narzissen verkauft. Obwohl die Familie, so interpretiert es eine Kunsthistorikerin, in zerlumpter Kleidung dargestellt ist, was zeigt, dass sie schwere Zeiten durchlebt, wird sie so attraktiv und sympathisch wie möglich gezeigt, um das Mitgefühl des Betrachters zu gewinnen. Ganz ohne einen Hauch von Optimismus ging es anscheinend für viele Viktorianer auch bei der Sozialkritik nicht.

Lesen wurde in diesem Zeitalter zu einer Freizeitbeschäftigung von Millionen, wozu vor allem der „Education Act“ von 1870 beitrug, das erste Gesetz, das sich speziell mit der Bereitstellung von Bildung in England und Wales befasste. Die Frage der Schulpflicht für Kinder wurde durch das Gesetz noch nicht geregelt, doch es war ein erster Schritt. Ihm folgte 1880 ein weiteres Gesetz, das die Schulpflicht für Kinder im Alter von fünf bis zehn Jahren einführte.

Die unteren Schichten lasen bevorzugt preisgünstige Fortsetzungsromane, oft Kriminalgeschichten, die wegen ihres Preises von einem Penny Penny Dreadfuls genannt wurden. Der Preis für neue Bücher war für die meisten Arbeiter unerschwinglich, sodass sie sich Bücher aus Leihbibliotheken wie Mudie’s (gegründet 1842) ausliehen, die gegen eine geringe Gebühr Bücher in ganz Großbritannien verschickten.

Auch die Lesefreudigkeit profitierte vom Innovationsreichtum: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führte die Einführung von Gas- und Elektrobeleuchtung dazu, dass man nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr bei Kerzenlicht oder stinkenden Öllampen lesen musste.

Es gehörte ein gewisser Bildungsstand dazu, um über das wohl einflussreichste Buch der Epoche mitdiskutieren zu können: Charles Darwins 1859 erschienenes „On the Origin of Species“ („Über die Entstehung der Arten“) wurde zum Gründungsdokument der Evolutionsbiologie. Seine Schlussfolgerungen aus den Beobachtungen, die er während seiner fünfjährigen Reise auf der „HMS Beagle“ (1831–1836) gemacht hatte, von der er rund 5000 gesammelte zoologische, botanische und geologische specimen mitgebracht hatte, riefen vor allem in klerikalen Kreisen heftigen Widerspruch hervor.

Nur wenigen Frauen gelingt es, sich neue Freiräume zu schaffen

Dies war bei den Exponenten und Exponentinnen der zeitgenössischen Romanliteratur in geringerem Maße der Fall. Die Epoche wird als das Goldene Zeitalter weiblicher Autoren bezeichnet. Die berühmtesten von ihnen waren die Brontë-Schwestern (Charlotte, Emily, Anne), Elizabeth Cleghorn Gaskell, deren Romane detaillierte Einblicke in die viktorianische Gesellschaft einschließlich des Lebens der Ärmsten bieten, und George Eliot. Hinter diesem maskulinen Autorennamen verbarg sich die aus Warwickshire stammende Mary Ann Evans, die in ihren Romanen sozialpolitische Themen ansprach. Ihre persönliche Lebensführung galt den Zeitgenossen als skandalös, da sie mit dem verheirateten Philosophen und Literaturkritiker George Henry Lewes zusammenlebte. Sie war möglicherweise nicht die umgänglichste Persönlichkeit: Nach Lewes Tod heiratete sie den 21 Jahre jüngeren John Walter Cross. Bereits auf der Hochzeitsreise unternahm er in Venedig einen Selbstmordversuch.

Eine erfolgreiche Literatin hatte Freiräume, die es selbst für Frauen des Bürgertums und der Oberschicht kaum gab. In der frühviktorianischen Zeit ging der Besitz einer Frau mit dem Tag der Hochzeit an ihren Ehemann über; die Frau verlor mit der Eheschließung ihre rechtliche Unabhängigkeit. Sie konnte keine Verträge abschließen, und ihr Eigentum und ihre Verpflichtungen wurden größtenteils denen ihres Ehemanns untergeordnet.

Die Rollenerwartungen im Bürgertum waren deutlich skizziert: Der Mann widmete sich den Geschäften, die Ehefrau hatte die Kinder großzuziehen und für ein gepflegtes und sittsames Heim zu sorgen. Mit dem „Married Women’s Property Act“ von 1870 wurde die legale Entrechtung teilweise aufgehoben. Verheiratete Frauen waren jetzt rechtmäßige Eigentümerinnen des von ihnen verdienten Geldes und konnten Vermögen in ihrem eigenen Namen erben.

Der wohl berühmteste Schriftsteller der Epoche, Charles Dickens, fand eindringliche Worte für das Nebeneinander von Fortschritt und Ästhetik einerseits sowie sozialem Elend und Not andererseits: „Es war die beste aller Zeiten, es war die schlimmste aller Zeiten, es war das Zeitalter der Weisheit, es war das Zeitalter der Torheit, es war die Epoche des Glaubens, es war die Epoche des Unglaubens, es war die Zeit des Lichts, es war die Zeit der Dunkelheit, es war der Frühling der Hoffnung, es war der Winter der Verzweiflung.“

Verzweifelt waren vor allem die Menschen in den übervölkerten Elendsquartieren der Großstädte. Dies galt ganz besonders für das Zentrum eines weltumspannenden Empires. London war die globale Finanz- und Handelsmetropole Nummer Eins, seine Bevölkerung war von einer Million im Jahr 1801 auf mehr als sechs Millionen gegen Ende des Jahrhunderts gewachsen. Es entstanden prachtvolle Museen wie das British Museum und jene in South Kensington (Science, Natural History, Victoria & Albert), die heute Schulklassen und Touristen in hoher Zahl anziehen.

Die Mehrheit der Bevölkerung aber lebte dicht zusammengedrängt und unter meist katastrophalen hygienischen Verhältnissen, vor allem im East End. Der Schriftsteller Jack London beschrieb einen Besuch im Stadtteil Stepney: „Nirgendwo in den Straßen Londons kann man dem Anblick bitterer Armut entkommen, während man von fast jedem Punkt aus in fünf Minuten zu Fuß ein Elendsviertel erreicht; aber die Gegend, in die meine Kutsche nun vordrang, war ein einziger endloser Slum. Die Straßen waren voller Menschen einer neuen und anderen Rasse, von kleiner Statur und mit elendem oder biergetränktem Aussehen. Wir fuhren kilometerweit durch Ziegelsteine und Elend, und von jeder Querstraße und Gasse blitzten lange Ausblicke auf Ziegelsteine und Elend auf. Hier und da taumelte ein betrunkener Mann oder eine betrunkene Frau, und die Luft war obszön von Geräuschen des Klirrens und Streits.“

Die Kinderarbeit wird nur langsam zurückgedrängt

Eine der abstoßendsten Seiten der Epoche war die Kinderarbeit, die man in der zweiten Jahrhunderthälfte durch mehrere Gesetzentwürfe zurückdrängen, wenn auch nicht völlig beseitigen konnte. Ein besonders grausiger „Beruf“ war der der chimney-boys, kleinwüchsiger oder sehr junger Burschen, die durch Schornsteine klettern mussten. Eine unbekannte Zahl von ihnen erstickte in den engen Schächten. Gesetze, die ein Mindestalter für diese Tätigkeit festlegten, wurden immer wieder umgangen.

Im Jahr 1863 trug die Veröffentlichung des Romans „The Water-Babies“ von Charles Kingsley durch seine Hauptfigur Tom, einen Kinderschornsteinfeger, wesentlich dazu bei, die Öffentlichkeit für die gravierende Misshandlung von Kindern in dieser Art von Beschäftigung zu sensibilisieren. Mit dem „Chimney Sweepers’ Act“ von 1875 wurde eine Lizenzpflicht für Schornsteinfeger etabliert und die Polizei mit der Durchsetzung aller bisherigen Rechtsvorschriften beauftragt.

Zwar konnte der Anteil der Kinder, die in die Schule gingen, durch Gesetze wie die genannten gesteigert werden, doch in den Schulen herrschten nicht selten Erziehungsmethoden, die den Sadismus und die Menschenverachtung der Verantwortlichen widerspiegelten.

Der 13-jährige Peter Lyth berichtete bei einer Anhörung durch einen Poor Law Inspector 1851 über seinen Schulalltag: „Der Schulleiter schlug mich – er schlug mich auch im ganzen Raum, nachdem der Meister gegangen war, und ich bat dann um ein Stück Schnur, und der Schulleiter sagte, es liege ein Stück auf dem Schreibtisch, und als ich ein Stück auf dem Schreibtisch des Meisters liegen sah, griff ich danach und wickelte es mir in meiner Wut um den Hals, woraufhin der Schulleiter mich erneut heftig schlug. Er klemmte meinen Kopf zwischen seine Beine und schlug mich heftig. Dann schickte er mich zur Krankenschwester, da mein Arm von einem Schlag mit dem Rohrstock blutete.“

Das Leben konnte nicht nur in den Slums der Großstädte in diesem Zeitalter der rasch expandierenden Industrialisierung miserabel sein, sondern auch auf dem Land. Die größte menschliche und demographische Katastrophe, die das Europa des 19. Jahrhunderts erlebte, spielte sich auf der Insel ab, die seit 1801 (und bis 1922) den zweiten Teil des offiziellen Staatsnamens „The United Kingdom of Great Britain and Ireland“ bildete. Irland wurde seit 1845 von der Kartoffelfäule heimgesucht, einer durch einen Pilz mit der wissenschaftlichen Bezeichnung Phytophthora infestans ausgelösten Vernichtung der Kartoffelernte.

Hungerperioden waren für die irische Bevölkerung nichts Ungewöhnliches. Dazu trugen auch die politischen und sozialen Verhältnisse bei: Die Kartoffel war auch deswegen zum wichtigsten Nahrungsmittel der Bevölkerung geworden, weil die meisten Bauern nur über kleine Ackerflächen verfügten, auf denen man eher Kartoffeln als Getreide anbauen würde. Dieses und die Milchprodukte indes mussten meist als Pachtzahlung an die englischen Großgrundbesitzer geliefert werden.

Soziale Ungleichheit und politische Entrechtung (Irland war im politischen System Großbritanniens kaum besser gestellt als eine Kolonie), Wetterkatastrophen sowie eine Pandemie aufgrund eines neuen Pathogens (pathologisch für Pflanzen, nicht für Menschen) gingen in der zweiten Hälfte der 1840er Jahre eine unheilige Allianz ein.

Denn An Gorta Mór, wie es im Gälischen heißt, die „Große Hungersnot“, the Great Famine, stellte alles bisher Dagewesene in den Schatten. Die Ernte von 1845 war – wie die der nachfolgenden Jahre – weitgehend vernichtet. Auch andere Länder wie Frankreich und die Niederlande waren betroffen, jedoch nicht in einem solch epischen Ausmaß. Zur Not trug die Ausfuhr von Nahrungsmitteln wie vor allem Getreide aus dem hungernden Irland nach England bei, welche die Erbitterung gegenüber dem „Mutterland“ weiter verstärkte, die wohl noch heute Teil der irischen Seele ist. Dazu kam das Verhalten der britischen Regierung, die zwar nicht untätig blieb, aber viel zu wenig unternahm – groß war die Furcht vor allem bei Premierminister Sir John Russell, die irischen Untertanen könnten sich an staatliche Hilfe gewöhnen.

„Die meisten von ihnen sind im Delir, entweder vom Hunger oder vom Fieber“

Wie schwer es war, Worte angesichts des Grauens zu finden, schilderte am Heiligabend 1846 der Friedensrichter von Cork, Nicholas Cummins, in der Londoner „Times“ – und versuchte es dennoch: „Die Szenen, die sich bieten, sind von einer Art, dass Zunge oder Feder ihnen in keiner Weise gerecht werden, es sind erschütternde Anblicke, die keine Worte beschreiben können. Die meisten von ihnen [den Menschen in der Ortschaft Skibbereen] sind im Delir, entweder vom Hunger oder vom Fieber. Ihre dämonischen Schreie klingen mir noch in den Ohren, die schrecklichen Bilder sind in meinem Hirn eingebrannt … An jenem Morgen öffnete die Polizei ein Haus auf dem angrenzenden Land, das seit einigen Tage als verschlossen galt. Man fand zwei Dutzend gefrorene Leichen, die auf dem Lehmboden lagen und zur Hälfte von den Ratten aufgefressen waren.“

Ein Bankier organisiert Hilfe für die hungernden Iren

Es war vor allem eine private, von dem Bankier Lionel Nathan de Rothschild angestoßene Hilfsaktion, die noch Schlimmeres verhinderte. Als British Relief wurde sie die erste große internationale Aktion von grenzüberschreitender Solidarität. Spenden kamen aus Europa, dem Nahen Osten und den USA, von wo ein junger Kongressabgeordneter namens Abraham Lincoln zehn Dollar schickte, was nach heutiger Kaufkraft etwa 500 Dollar entsprechen würde.

Äußerst hilfreich – gerade in puncto PR – war die schnelle Unterstützung von allerhöchster Stelle. Viktoria (die entgegen allen Klischees keineswegs unsensibel für das Leid der irischen Untertanen war) spendete nicht nur 2000 Pfund, sondern ließ auch einen Queen’s Letter von den Kanzeln der anglikanischen Kirchen verlesen, in dem sie zu Spenden – und Gebeten – für die Menschen in Irland aufrief. Für viele Iren kam diese Hilfe zu spät. Rund eine Million Menschen starben, fast zwei Millionen wanderten aus. In einer Epoche, in der die Bevölkerungszahlen nicht zuletzt dank medizinischen Fortschritts fast überall in Europa kräftig anstiegen, war Irlands Demographie rückläufig.

Die Tatsache, dass im viktorianischen Großbritannien die Lebensbedingungen der urbanen Unterschicht – die eine Mehrheit der Bevölkerung bildete – durch allgegenwärtigen Schmutz, durch infektiöse und ernährungsbedingte Krankheiten und nicht selten auch durch blanken Hunger geprägt waren, leistete der Ausbreitung von Seuchen Vorschub. Die Bevölkerung Londons wurde mehrfach von einer der gefürchtetsten Infektionskrankheiten des 19. Jahrhunderts heimgesucht, der Cholera. Als die Choleraepidemie von 1854 nach London kam, wurde die Stadt Schauplatz einer Sternstunde der Medizin: der Begründung der modernen Epidemiologie.

Der 1813 in armen Verhältnissen in Yorkshire geborene Arzt John Snow war in London von hohem Renommee, nachdem er sich auf eine aus den USA kommende medizinische Innovation spezialisiert hatte: die Narkose. Seine Expertise in dieser segensreichen Methode, mit der Ärzte endlich den Schmerz bei Eingriffen ausschalten konnten, führte dazu, dass Königin Viktoria zu einer Pionierin des medizinischen Fortschritts wurde. Im April 1853 hatte Snow der Königin, die in den Wehen lag und ihren Sohn Leopold zur Welt brachte, Chloroform verabreicht. Viktoria empfand es im Vergleich zu ihren vorherigen sieben Niederkünften als eine große Erleichterung.

Durch ihr Beispiel ermutigte sie Mediziner wie Frauen zur Anwendung von Anästhetika beim Geburtsakt und half damit, den Widerstand vor allem von Klerikern zu überwinden, die auf das Bibelwort verwiesen, wonach die Frau angeblich (die Übersetzung aus dem Hebräischen lässt offenbar unterschiedliche Deutungen zu) unter Schmerzen ihr Kind zur Welt zu bringen habe.

John Snow löst mit Detektivarbeit das Rätsel um die Choleraausbrüche

Als im Sommer 1854 die Cholera in seiner Nachbarschaft im Stadtteil Soho täglich Menschenleben forderte, begab sich John Snow an eine akribische Detektivarbeit. Der Arzt war davon überzeugt, dass die Seuche durch Wasser und nicht wie nach überkommener Lehrmeinung durch „Miasmen“, krankmachende Stoffe in der Luft, übertragen wurde. Er ging von Haus zu Haus, erkundigte sich nach erkrankten und verstorbenen Mitbewohnern.

Bei der Suche nach der Infektionsquelle richtete sich sein Verdacht bald auf eine Wasserpumpe in der Broad Street. Dieser Verdacht erhärtete sich mit der Zahl der Menschen, die er in der engen Nachbarschaft der Pumpe ansprach: „Ich fand heraus, dass sich fast alle Todesfälle in kurzer Distanz von der Pumpe zugetragen hatten.“

Snow trug die Todesfälle auf einer Karte des Bezirkes ein, für jeden an Cholera Verstorbenen ein kleiner schwarzer Balken. Diese Ghost Map, eine Karte des Todes, gilt als eines der wichtigsten Dokumente der Medizingeschichte. Fast jeder Häuserblock in bequemer Fußnähe zur Broad-Street-Pumpe weist mehrere schwarze Balken auf.

Doch Snow, zunehmend überzeugt, dass die Erreger der Cholera über Wasser verbreitet werden, wurde in dieser Vermutung auch durch die wenigen weißen Flecken auf der Karte bestärkt. So gab es in einem workhouse, einem Armenhaus in der Poland Street, in dem fast 500 Menschen zusammengedrängt lebten, nur einige wenige Cholerafälle, während die benachbarten fast bürgerlichen Wohnhäuser schwer heimgesucht wurden.

Als Erklärung drängte sich auf: Das Armenhaus verfügte über einen eigenen Brunnen. Noch eklatanter war das völlige Fehlen solcher Balken in jenem Quadrat der Karte, das die Lion Brewery darstellte. Die Brauerei befand sich nur gut 30 Meter von der Pumpe entfernt, doch kein einziger der rund 80 Arbeiter erkrankte an Cholera. Snow, der über weite Strecken seines Lebens Abstinenzler war, mochten Zweifel über seine Ablehnung alkoholischer Getränke kommen.

Die Angestellten der Brauerei tranken, wie Snow vom Inhaber des Betriebes erfuhr, praktisch kein Wasser; sie stillten ihren Durst mit den Produkten des Hauses, in dem auch ein noch stärkeres Getränk als Bier, malt liquor, hergestellt wurde. Gleich, woher die Lion Brewery ihr Wasser bezog – beim Herstellungsprozess wurden Temperaturen erreicht, die Mikroorganismen wie den die Cholera auslösenden Vibrionen den Garaus machten.

John Snows Beweisführung und seine eher trockene Argumentation – er war kein mitreißender Redner – konnten schließlich die lokalen Entscheidungsträger überzeugen. Am 8. September ließen sie den Handgriff an der Broad-Street-Wasserpumpe entfernen – es war ein erster Erfolg im Kampf gegen die Cholera. Ohne diesen Handgriff steht sie – wenn auch als Replika aus den 1990er Jahren – immer noch fast genau am Ort des Geschehens, als Denkmal für wissenschaftlichen Fortschritt im viktorianischen Zeitalter.

Manches Problem stinkt zum Himmel

Es war ein Kennzeichen der viktorianischen Gesellschaft, dass sie sich furchtlos neuen Herausforderungen stellte, sie vernunftbetont und wissenschafts- sowie technikbasiert selbstbewusst anging. Nicht ganz überraschend war diese Entschlossenheit besonders ausgeprägt, wenn das Problem nicht nur die unteren Schichten, sondern ganz besonders die Eliten betraf.

Eliten waren etwa die Politiker, die zu den prominentesten „Opfern“ eines Ereignisses wurden, das wir heute als eine Kombination aus Umweltdesaster und Klimakatastrophe (oder bescheidener formuliert: von Extremwetter) ansehen würden. Dieses Vorkommnis zeigte als Great Stink eine besonders unangenehme Seite des Lebens in der Weltmetropole London auf.

Im Juni 1858 zog eine Hitzewelle über die Britischen Inseln und über das seit Langem rasant expandierende London. Am Mittwoch, dem 16. Juni wurden Temperaturen zwischen 34 und 36 Grad, in Greenwich von 39 Grad gemessen. Die Folge des Extremwetters war eine Austrocknung der Themse.

Was dadurch sichtbar und vor allem durch die Nase wahrnehmbar wurde, war ein Dokument von Jahrhunderten des Gebrauchs der Themse zur Entsorgung der Exkremente von Mensch und Tier sowie als Deponie von Unrat und Kadavern. Die aus früheren Jahrhunderten stammende Kanalisation entleerte sich mitten in der Stadt direkt in den Fluss (aus dem viele Bewohner wiederum ihr „Trinkwasser“ entnahmen) und genügte den Anforderungen der auf mehr als 2,6 Millionen Menschen angewachsenen Metropole längst nicht mehr. Senkgruben (cesspools) gab es fast überall in London; am Ufer der Themse lagerte sich Unrat in solchen Mengen ab, dass eine eigene Berufsgruppe, die night soil men, entstanden war, die ihn einsammelten und an Farmer im Umland als Dünger verkauften.

Diesmal konnte kein Politiker einen sozialen und hygienischen Missstand verleugnen: Das Parlamentsgebäude liegt bekanntlich direkt an der Themse. Benjamin Disraeli, den späteren Premier und damaligen Schatzkanzler, sah man, ein Taschentuch vor das Gesicht gepresst, eilig den Sitzungssaal verlassen. Der gebildete Politiker und Autor sprach in Anlehnung an den Fluss Styx der griechischen Mythologie von „einem stygischen Tümpel, der nach unaussprechlichem und unerträglichem Horror stinkt“.

Auch die anderen ehrenwerten Mitglieder des Unterhauses waren gepeinigt, was die „Times“ in ihrer Ausgabe vom 18. Juni 1858 geradezu frohlocken ließ: „Das Parlament ist allein durch die Kraft des Gestanks gezwungen, sich mit dem großen Londoner Ärgernis auseinanderzusetzen. Die ungeheure Hitze hat die Gesetzgeber aus den Teilen der Gebäude getrieben, die direkt auf den Fluss blicken. Ein paar Mitglieder waren bereit, sich der Sache in voller Tiefe anzunehmen, und kamen in der Bibliothek zusammen, wurden aber sofort zum Rückzug gezwungen, jeder Mann mit einem Taschentuch auf der Nase. Wir sind herzlich froh darüber.“

Die Sorge vor einem neuerlichen Choleraausbruch motivierte neben der persönlichen Belästigung die Politiker zu schnellem und budgetär großzügigem Handeln. Im Juli debattierte das Unterhaus einen Gesetzentwurf, mit dem das Metropolitan Board of Works (MBW) beauftragt wurde, ein modernes Kanalisationssystem, das der Weltstadt und ihren Bewohnern gerecht würde, zu bauen. Am 2. August verabschiedete das Parlament den Entwurf, der für das
Board Mittel in Höhe von drei Millionen Pfund vorsah.

Mit dem Ausbau des Kanalnetzes wird auch eine neue Infrastruktur geschaffen

Damit konnte der Chefingenieur der Behörde seine schon vor Jahren konzipierten Pläne in die Tat umsetzen. Joseph Bazalgette, Enkel französischer Einwanderer, leitete nun eines der größten Bauprojekte Europas. Nicht nur wurde ein Netzwerk kleiner, etwa ein Meter hoher örtlicher Kanäle (Gesamtlänge rund 1800 Kilometer) geschaffen, die ihre Abwässer in zwei große Drainagesysteme (mit mehr als drei Metern Höhe, Gesamtlänge 82 Kilometer), eines nördlich und eines südlich der Themse, einleiten.

Auch das Stadtbild änderte sich: Bazalgette ließ embankments (Landgewinnung in Verbindung mit steinernen Dammanlagen) wie das Victoria Embankment und das Chelsea Embankment anlegen, die das oft verdreckte Flussufer ersetzten und neben der Kanalisation auch für den Bau der U-Bahn genutzt wurden. Das südliche System endete bei Crossness; die dortige dampfbetriebene Pumpstation wurde im April 1865 vom Prince of Wales eingeweiht – die heute ein Industriedenkmal darstellende Station mag als ein Symbol für den Sieg über die Ursachen des Great Stink gelten und auch für die Innovationsfreudigkeit einer parlamentarischen Demokratie.

Das Bemerkenswerteste an Bazalgettes Projekt war vielleicht dies: Es war weit in die Zukunft gedacht. Der Baumeister hatte das Bild eines London vor sich, das noch weit größer war als die Hauptstadt des Empires – einer Metropole mit einem weiten Umland, einem Suburbia, in dem Millionen menschenwürdig leben können. Und so dient Bazalgettes System heute unverändert London und den Londonern. Vereinzelt wurde seine Schöpfung den Anforderungen eines neuen Zeitalters angepasst, wie in West London, wo Biomethan aus Abwässern jetzt klimafreundlich zum Heizen und zur Stromversorgung verwendet wird – green gas als Erbe des Great Stink. Das Bauwerk unter der Erde ist eines der am wenigsten sichtbaren, aber wohl symbolträchtigsten Monumente des viktorianischen Zeitalters. Es sagt uns, wie sie waren, die Viktorianer: Sie schufen Dauerhaftes. Und sie träumten von einem besseren Morgen.

Autor: Dr. Dr. Ronald D. Gerste

ist Historiker und Mediziner. Er lebt als freier Autor in der Nähe von Washington.

Literatur

Ronald D. Gerste, Wie Technik Geschichte macht. Von Gutenberg bis zum Smartphone. Stuttgart 2025.
Ronald D. Gerste, Die Heilung der Welt. Das goldene Zeitalter der Medizin 1840–1914. Stuttgart 2021

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11. Juni 2026

Die im Mittelalter von Sultan Saladin errichtete Zitadelle ist noch heute eine der herausragenden Sehenswürdigkeiten von Kairo. Jetzt haben…

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11. Juni 2026

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9. Juni 2026

Kopflose Skelette aus einem jungsteinzeitlichen Siedlungsgraben in der Slowakei geben Archäologen weiterhin Rätsel auf. Denn warum Menschen…

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8. Juni 2026

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