Der Mithraskult breitete sich im Römischen Reich etwa zur gleichen Zeit aus wie das Christentum. Seine Wurzeln liegen im heutigen Iran – vermutlich verbreiteteten Kaufleute und Soldaten den Mithraismus von dort aus im ganzen Reich. Es handelte sich um eine reine Männer-Religion – Frauen waren strikt ausgeschlossen. In den vergleichsweise kleinen, Mithräen genannten Heilgtümern, fanden geheimnisvolle Kulthandlungen statt, die strengstem Stillschweigen unterlagen. Deshalb ist wohl auch nur wenig über diese Religion überliefert. Ihren finalen Untergang leutete schließlich das Jahr 392 n. Chr. ein: Kaiser Theodosius I machte das Christentum zur offiziellen Religion des Reiches und verbot alle anderen Kulte.
Die Funde auf Korsika geben nun einen Einblick in diese spätantiken Entwicklungen. Bei der Stadt Mariana handelte es sich um eine kleine römische Hafenstadt, deren Blütezeit das dritte und vierten Jahrhundert n. Chr. war. Ihre Überreste erforscht seit 2016 ein Archäologenteam um Philippe Chapon vom Institut national de recherches archeologiques preventives (Inrap).
Mögliche Spuren der Zerstörung
Wie sie berichten, stießen sie bei ihre Ausgrabungen auf die Spuren eines Vorzimmers sowie eines elf mal fünf Meter großen Kultraumes mit Bänken. Neben Öllampen, Bronzeglocken und weiteren Relikten, entdeckten sie auf Marmorbruchstücken das Relief einer typischen Szene aus der Mythologie des Mithraismus: Der Sonnengott tötet einen Stier während ein Hund und eine Schlange das Blut des Opfers trinken und ein Skorpion ihm in die Hoden sticht. Es handelte sich also definitiv um ein Mithras-Heiligtum, folgern Chapon und seine Kollegen.
Den Archäologen zufolge tragen einige der im Heiligtum gefundenen Artefakte Anzeichen von charakteristischen Schäden, die offenbar aus der Antike stammen. Wie symbolisch, ist beispielsweise der Altar zerbrochen. Obwohl nicht eindeutig klar ist, wer oder was diese Zerstörungen verursacht hat, vermuten die Archäologen Christen als Täter. Dazu passt, dass Mariana weiteren Funden zufolge eine frühe Hochburg des Christentums auf Korsika war. Möglicherweise handelt es sich bei den Spuren deshalb um Zeugnisse der Spannungen zwischen den beiden konkurrierenden Religionen, sagen die Archäologen.





