Im späten Mittelalter forderte die Pest Millionen von Todesopfern in Europa. Von dem massenhaften Sterben an dieser bakteriellen Infektion zeugen noch heute viele Massengräber aus jener Zeit. Eine dieser Pest-Grabstätten haben Archäologen schon vor einigen Jahren im litauischen Vilnius aufgespürt. Der außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern liegende Friedhof enthält viele Gräber, in denen bis zu 15 Tote zusammen bestattet worden waren. Auffallend viele dieser Toten sind zudem Jugendliche oder junge Erwachsene. Das spricht dafür, dass sie im 15. Jahrhundert im Rahmen einer Seuche gestorben sind.
Erregerfahndung bei mittelalterlichen Pestopfern
Um herauszufinden, ob es sich bei diesen Toten um Pestopfer handelt, haben Karen Giffin vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und ihre Kollegen DNA-Proben aus den Zähnen von 26 Individuen entnommen und auf genetische Spuren des Pesterregers Yersinia pestis hin untersucht. Tatsächlich erwiesen sich sechs der Proben als positiv – es handelte sich demnach höchstwahrscheinlich um Opfer der Pest. Doch die Forscher wollten auch wissen, ob diese Menschen zu Lebzeiten möglicherweise auch noch an anderen Infektionskrankheiten litten.
Das Problem jedoch: „Die gängige Methode für die Erkennung von Krankheitserregern in archäologischen Funden setzt voraus, dass man ungefähr weiß, wonach man sucht“, erklärt Giffins Kollege Alexander Herbig. „In diesem Fall nutzten wir jedoch einen noch relativ neuen Ansatz für die DNA-Analyse, um so ohne Vorannahme nach weiteren Erregern zu suchen, die wir auf molekularer Ebene möglicherweise feststellen könnten“. Bei dieser sogenannte HOPS-Methode wird die DNA der Probe durch ein automatisiertes Verfahren mit den Erbgutabfolgen bekannter Erreger abgeglichen. Das ermöglicht es, das Genom von Erregern in alten DNA-Proben zu identifizieren, auch ohne dass man vorher weiß, wonach man sucht.
Erreger der Tropenkrankheit Frambösie nachgewiesen
Tatsächlich wurden Griffin und ihr Team fündig: Eine der vier untersuchten Pesttoten, eine junge Frau, wies neben den Genspuren der Pest auch das Signal eines zweiten Erregers auf. Dabei handelte es sich zur Verblüffung der Forscher um das Bakterium Treponema pallidum pertenue, den Erreger der heute nur in den Tropen verbreiteten Krankheit Frambösie. Diese Infektionskrankheit verursacht zunächst rote Pusteln und Ausschläge, die an eine Himbeere erinnern, daher der vom französischen Wort für Himbeere abgeleitet Name Frambösie. In späteren Stadium befällt der Erreger aber auch Knochen und Gelenke und hinterlässt Verformungen und Veränderungen der Knochenstruktur. “Die am Skelett der litauischen Frau gefundenen Manifestationen stimmen mit solchen Trepanema-Läsionen überein”, berichten die Forscher.





