Um das Jahr 1180 entstand in Rothenburg ob der Tauber eines der ältesten jüdischen Viertel in Süddeutschland. Die Stadt galt im Mittelalter als Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit mit überregionaler Strahlkraft. Das jüdische Viertel umfasste neben Wohn- und Geschäftsgebäuden eine zweistöckige Talmudschule, einen Festsaal, eine Mikwe – ein jüdisches Ritualbad – sowie die zentrale Synagoge. Sie war ein romanischer, rechteckiger Saalbau mit Satteldach. Neben dem Eingang auf der Nordseite war eine hölzerne Frauenabteilung angebaut. An der Talmudschule in Rothenburg lehrte ab Mitte des 13. Jahrhunderts der berühmte Talmud-Gelehrte Rabbi Meir ben Baruch. Auch einige bis heute erhaltene Grabsteine zeugen von der einst großen jüdischen Gemeinde in dieser Stadt. Ende des 13. und Mitte des 14. Jahrhunderts durchlebte die jüdische Bevölkerung Rothenburgs jedoch mehrere Wellen der Verfolgung. Ihren Höhepunkt fanden diese Pogrome im Jahr 1349 während der Pestepidemie, als ein Großteil der Rothenburger Juden vertrieben wurde.

Verkauft, umgewidmet und abgerissen
Die Synagoge und die übrigen Gebäude der jüdischen Gemeinde wurden daraufhin an die Stadt Rothenburg verkauft. Im Jahr 1406/07 ließ diese das jüdische Gotteshaus zu einer christlichen Marienkapelle umbauen. Der Kernbau blieb dabei erhalten, erhielt aber später noch eine Apsis im gotischen Stil. Zwar entstand nach dem Pogrom im Norden Rothenburgs erneut eine jüdische Gemeinde, diese nutzte jedoch eine neue, bescheidenere Synagoge. Die ursprüngliche, zur Marienkapelle umgewidmete Synagoge von Rothenburg wurde 1805 abgerissen, womit die letzten sichtbaren Reste dieses einst so bedeutenden Bauwerks verschwanden. Wie diese erste Synagoge Rothenburgs aussah, ist heute nur noch von einigen historischen Zeichnungen bekannt, konkretere Belege gab es keine. Auch das Wissen über den genauen Standort war im Laufe der Zeit verloren gegangen.
Erst jetzt haben Archäologen des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege (BLfD) die Überreste der ersten Synagoge Rothenburgs wiederentdeckt. Die Grundmauern des Bauwerks traten bei Ausgrabungen im Vorfeld einer Neugestaltung des Kapellenplatzes zutage. „Der Fund an dieser Stelle war überraschend, da die Synagoge an anderer Stelle vermutet wurde“, sagt Mathias Pfeil, Generalkonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege. Vergleiche mit zwei bekannten Abbildungen aus dem 18. Jahrhundert ergaben, dass die freigelegten Fundamente in Bauweise, Ausrichtung und Lage des Haupteingangs bis ins Detail mit denen der Synagoge übereinstimmen. Auch Angaben in überlieferten Schriftquellen passen zu den archäologischen Funden.





