Aus historischen Dokumenten ist bekannt, dass die Bürger von Cambridge Ende des 12. Jahrhunderts ein “Hospitale simplex” errichteten – ein Haus, in dem vor allem arme Leute versorgt wurden. Auch ein Friedhof gehörte spätestens ab 1250 dazu, wie die Quellen nahelegten. Wo genau dieser lag, zeigte sich jedoch erst vor wenigen Jahren, als Archäologen bei Grabungen auf einem Gelände gegenüber des Eingangs zum St.John College erste Hinweise auf menschliche Überreste fanden.
Überreste von rund 1300 Toten
Von 2010 bis 2012 führten Craig Cessford von der University of Cambridge und seine Kollegen die Hauptgrabung durch und legten den gesamten Hospital-Friedhof frei. Zu ihrer eigenen Überraschung stießen sie darin auf die gut erhaltenen Gebeine von insgesamt rund 1300 Menschen. Diese waren in der Zeit vom 13. bis zum 15. Jahrhundert hier begraben worden. “Damit handelt es sich hier um die größte mittelalterliche Ansammlung von Gebeinen eines Hospitals der Britischen Inseln”, sagt Cessford.
Rund 400 der Skelette liegen noch immer in ordentlichen Reihen – so wie sie vor mehr als 500 Jahren bestattet wurden. Zwischen den Toten gab es damals offenbar Kieswege und auch einen Brunnen entdeckten die Archäologen auf dem Friedhofsgelände. Zwischen den Gebeinen fanden sie zudem Samen verschiedener Blumen. “Diese Merkmale bestätigen, dass ein mittelalterlicher Friedhof ein Platz für die Toten und für die Lebenden war”, sagen die Forscher. In dieser Hinsicht unterschieden sie sich nicht von denen unserer heutigen Begräbnisstätten.
Eher Armenhaus als Krankenhaus
Wie die Ausgrabung zeigte, wurden die meisten Toten damals ohne Sarg begraben, teilweise sogar ohne Grabtuch. Auch Grabbeigaben wie Schmuck oder persönliche Gegenstände waren die Ausnahme. “Die Belege für Kleidung und Beigaben sind hier seltener als in anderen Hospital-Friedhöfen”, sagt Cessford. Auch junge Frauen und Kinder seien unter den Toten unterrepräsentiert.
Nach Ansicht der Forscher spricht dies dafür, dass der Schwerpunkt in diesem Hospital nicht so sehr auf der medizinischen Versorgung akut Kranker lag. “Stattdessen war die Hauptaufgabe wahrscheinlich die physische und spirituelle Versorgung von armen und gebrechlichen Menschen”, erklären sie. Das Hospital war damit eher eine Art Armenhaus oder Pflegezentrum als ein Krankenhaus im heutigen Sinne.
In der lokalen Überlieferung sollen in diesem Friedhof einst auch Opfer des “Schwarzen Tods” begraben worden sein. Vor allem in der Zeit von 1348 bis 1350 forderte die Pest in dieser Region viele Todesopfer. Doch nähere Untersuchungen konnten diese Annahme nicht bestätigen: Die Forscher fanden weder Hinweise auf eine Pesterkrankung an den Skeletten, noch gab es eine besondere Häufung von Begräbnissen in dieser Zeitperiode, wie sie berichten.





