Leipzig erlebte nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 einen rasanten Aufstieg. Von wenigen Tausend vervielfachte sich die Einwohnerzahl zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf nahezu 590 000 Menschen. Das 1556 im Renaissancestil umgebaute Rathaus wurde für die notgedrungen ebenfalls wachsende Verwaltung zu eng. Statt es zu erweitern, entschied man sich für einen repräsentativen Neubau. Mit der Eröffnung des Neuen Rathauses 1905 konnte das Alte Rathaus einer neuen Bestimmung zugeführt werden: Nach Umbauten öffnete es 1909 als „Stadtgeschichtliches Museum“ seine Pforten. Mit seinen historischen Räumen war es von Beginn an das zentrale Exponat.
Nach umfangreichen Modernisierungen in den Jahren 2018 bis 2022 hat sich an diesem Umstand nichts geändert. Heute umfasst das Stadtgeschichtliche Museum neben dem Alten Rathaus noch acht weitere Häuser und Sammlungen, die über das Stadtgebiet verteilt sind.
Den Auftakt zum ersten Teil der zweiteiligen Dauerausstellung macht der große Festsaal im ersten Stock. Er wird noch immer für Veranstaltungen und Empfänge der Stadt genutzt. Von den Wänden blicken 22 wettinische Landesfürsten auf die Besucher, darunter Moritz von Sachsen und August der Starke. Mittelpunkt des Saales ist ein detailliertes Stadtmodell von 1823, das Leipzigs historische Orte wie die Thomaskirche, die Wirkungsstätte Johann Sebastian Bachs oder das Geburtshaus von Gottfried Wilhelm Leibniz zeigt. Dem Festsaal schließt sich die Ratsstube an, in der Bach 1723 zum Thomaskantor gewählt wurde. Hier hängt das einzige zeitgenössische Porträt des Komponisten, gemalt von Elias Gottlob Haußmann im Jahr 1746.
Unter dem Motto „Leipzig Original. Vom Mittelalter bis zur Völkerschlacht“ veranschaulichen in Themenräumen wie „Leipzig – Messen – Märkte – Straßen“ oder „Konfessionen & Konflikte“ unterschiedlichste Sammlungsobjekte die verschiedenen Aspekte der vormodernen Stadtentwicklung.
Die Lage an der Kreuzung der mittelalterlichen Handelsrouten Via Regia und Via Imperii erwies sich für Leipzig als strategischer Vorteil, den die Bürger 1497 durch die Verleihung des Reichsmesseprivilegs weiter ausbauen konnten, da es der Stadt ein Monopol für Messen im Umkreis von 125 Kilometern gewährte. 1507 festigte das Stapelrecht Leipzigs Rolle als Handelszentrum noch weiter. Der Grundstein für die spätere Messemetropole war gelegt.
Im Jahr 1519 wurde die Stadt zum Austragungsort der „Leipziger Disputation“ zwischen den Theologen Johannes Eck, Andreas Bodenstein und Luther, die den Bruch zwischen römisch-katholischer und reformierter Theologie zementierte. Exponate wie der dreiteilige Holzschnitt „Der Leipziger Calvinistensturm“ aus den Jahren 1592/93 zeigen, dass es auch zwischen den protestantischen Konfessionen nicht immer friedlich zuging, als die Bürger der Stadt sich nach dem Tod des Kurfürsten Christian I. anschickten, die von ihm eingesetzten calvinistischen Pfarrer aus der Stadt zu vertreiben.





