DAMALS: Wer war Paul Wittgenstein? Eva Gesine Baur: Den meisten Menschen fällt bei Wittgenstein zuerst sein jüngerer Bruder Ludwig ein, der mit einem einzigen zu Lebzeiten erschienenen Buch, dem „Tractatus logico-philosophicus“, bis heute Bibliotheken füllt. Beide kamen aus einer steinreichen Wiener Familie. Das waren die Rockefellers der Donau-Mon-archie. Der Vater war Mäzen, Geiger und Musikliebhaber. Aber er war der Meinung, seine Söhne sollten das Vermögen weiter vermehren, anstatt sich, wie er sagte, als Musiker zu prostituieren. Es hatte wohl mit dem Selbstmord zweier seiner Söhne zu tun, dass er Paul erlaubte, Pianist zu werden.
DAMALS: Wann haben Sie zum ersten Mal von ihm gehört? Baur: Ich war 13 Jahre alt und mit meinen Eltern in einem Konzert von Swjato-slaw Richter. Da spielte er Prokofjews Klavierkonzert für die linke Hand, das laut Konzertprogramm im Auftrag eines gewissen Paul Wittgenstein entstanden war. In keinem der Lexika zu Hause stand auch nur ein Wort über ihn. Weil er mir nicht aus dem Kopf ging, habe ich später während des Studiums seine Fährte weiter verfolgt − in der Literatur über die Familie Wittgenstein und den Biographien der Komponisten, die in seinem Auftrag Klavierstücke für die linke Hand schrieben: von Godowsky bis Ravel, von Richard Strauss bis Hindemith.
DAMALS: Was hat Sie an ihm besonders beeindruckt? Baur: Dass sein Schicksal zeigt, wie unfrei Geld machen kann. Und der Verlauf seines Lebens: ein Absturz aus höchster Höhe von Verwöhntheit und Erfolg und dann ein fast mythisch anmutender Wiederaufstieg. Wittgenstein hat kurz nach Kriegsbeginn 1914 durch eine Verwundung an der russischen Front in Polen den rechten Arm verloren. Damit schien seine Karriere als Pianist, Symbol seiner Selbstbehauptung, beendet. Bis 1915 war Paul Wittgenstein unter grauenvollen Umständen in einem russischen Kriegsgefangenenlager im sibirischen Omsk eingesperrt. Aber dort begann er bereits mit einer Attrappe, die linke Hand für das Klavierspiel zu trainieren.
DAMALS: Wie würden Sie dieses Leben auf zwei, drei einprägsame Begriffe bringen? Baur: Sinnsuche, Hoffnung, Verantwortung. Paul suchte wie so viele seiner Generation, die sich freiwillig meldeten, Sinn im Krieg. Er fand das Gegenteil und erkannte, dass wir das Sinnlose nicht nur hinnehmen, sondern annehmen müssen. Pauls Leben zeigt, dass Kunst, in seinem Fall Musik, eine Chiffre für Hoffnung sein kann: 1914/15 in Gefangenschaft und 1938, als er, weil er Jude war, vor den Nazis aus Wien fliehen musste und über Kuba in die USA emigrierte. Vor allem hat er verstanden, dass wir, indem wir Verantwortung übernehmen, unsere eigene Welt schaffen können. Zum Entsetzen seiner Familie hat er auf Kuba eine fast blinde Schülerin, Tochter eines Straßenbahners und Mutter seiner beiden unehelich geborenen Töchter, geheiratet und lebte mit ihr bis zu seinem Tod.





