Der Yssyk-Köl ist der größte See in Kirgisistan und der zweitgrößte Gebirgssee der Erde. Heute ist der Salzsee ein eher ruhiger Urlaubsort. Im Mittelalter verlief an seinem Ufer die Seidenstraße, welche Asien jahrhundertelang mit Europa verband. Doch wichtige Punkte an dieser internationalen Handelsroute von und nach China wurden im 15. Jahrhundert bei einem Erdbeben zerstört, überflutet und verschwanden im See, darunter der Toru-Aygyr-Komplex. Dabei handelte es sich um eine Stadt oder ein großes Handelszentrum, das wahrscheinlich schon vor dem Erdbeben von seinen Einwohnern verlassen wurde. In der Gegend siedelten sich später Nomaden an, das einstige Toru-Aygyr geriet in Vergessenheit.
Im Herbst 2025 sind Archäologen nun mit Unterwasser-Drohnen und Tauchern auf Expedition im Nordostteil des Sees gegangen, um die Überreste dieser ehemaligen Stadt näher zu erforschen. Dabei analysierten sie vier Abschnitte, die in Tiefen zwischen einem und vier Metern lagen, wie die Russische Geographische Gesellschaft berichtet.
Handelszentrum existierte wirklich
Bei diesen Tauchgängen fanden die Forschenden unter anderem große Keramikgefäße und Teile von mehreren Gebäuden aus gebrannten Ziegeln. Unter den zerstörten Bauwerken war ein Gebäude mit einem steinernen Mühlstein, der zum Mahlen von Getreide gedacht war. Ein anderes Gebäude wies architektonische Dekorationen an der Außenseite auf. Es könnte demnach ein Bauwerk mit wichtiger sozialer Funktion gewesen sein, etwa eine Moschee, ein Badehaus oder eine Madrasa, erklärt das Team. Diese Funde bestätigen, dass es das Handelszentrum Toru-Aygyr im Mittelalter wirklich gab. Unter den Ruinen waren auch Konstruktionen aus Steinen und Holzbalken sowie Lehmwände, deren Funktion noch unklar ist. Vor allem das Holz und die Keramiken sollen nun helfen, näher zu bestimmen, wann die Stadt gebaut wurde und wie lange sie bewohnt war.
Die Archäologen fanden zudem eine unerwartete Besonderheit: Spuren einer Grabstätte. Das Areal ist etwa 300 mal 200 Meter groß und durch das salzige Wasser stark erodiert. Die Forschenden fanden dort menschliche Überreste von einem Mann und einer Frau. Beide Skelette waren nach Norden ausgerichtet, wobei das Gesicht der Qibla zugewandt war, der Gebetsrichtung der Muslime zur heiligen Kaaba in Mekka. Das weist auf ein Islamisches Bestattungsritual hin und legt nahe, dass es sich um eine muslimische Nekropole handelte. Wer die Toten waren, ist allerdings noch unklar, auch ihr Alter und sozialer Rang sind noch unbekannt. Um das herauszufinden, sollen die Knochen nun näher untersucht und mit schriftlichen Dokumenten aus der damaligen Zeit verglichen werden.
Wer sind die Toten in der muslimischen Nekropole?
Bekannt ist, dass in der zentralasiatischen Gegend am Yssyk-Köl-See im 10. Jahrhundert der Karachaniden-Staat gegründet wurde. „Es handelte sich um eine türkische Dynastie, deren Eliten sich während ihrer Herrschaft häufig dem Islam zuwandten“, erklärt der an dem Projekt beteiligte Maksim Menshikov von der Russischen Akademie der Wissenschaften. „Die nomadische Bevölkerung praktizierte hingegen verschiedene Religionen: den heidnischen Tengrismus, den Buddhismus und das nestorianische Christentum. Oder sie praktizierten Religionsformen, in denen sich Heidentum und Islam vermischten.“ Der Islam selbst verbreitete sich unter den Bürgern Zentralasiens erst im 13. Jahrhundert. Zuvor war es vorwiegend die Religion des Adels und der wohlhabenderen Händler, wie Menshikov erklärt. Das Team vermutet, dass die Nekropole aus dem 13. oder 14. Jahrhundert stammt. Die Knochenanalysen sollen dies nun überprüfen.
Neben der muslimischen Grabstätte fand das Team noch drei weitere Gräber mit menschlichen Überresten. Diese befanden sich in einer einfachen Grabstätte südlich des einstigen Toru-Aygyr-Komplexes und sind wahrscheinlich älteren Datums, was zur komplexen Religionsgeschichte der Gegend passen würde. Der Fund weist zudem darauf hin, dass sich das Handelszentrum an der Seidenstraße über einen längeren Zeitraum entwickelte. Um die einzelnen Phasen der Siedlungsgeschichte genauer zu rekonstruieren, wollen die Archäologen nun Proben von verschiedenen Relikten und Strukturen am Seegrund nehmen und im Labor analysieren.
Quelle: Maria Buldakova, Russische Geographische Gesellschaft





