Und wenige Tage später brach es aus dem Diktator her-aus: „Diese widerlichen Juden, man muss sie alle vernichten. Ich werde ein Massaker unter ihnen anrichten, wie es die Türken gemacht haben. Und überhaupt, ich habe 70000 Araber interniert, ich werde auch 50000 Juden internieren können. Ich werde eine Insel finden, ich werde sie alle dort einsperren. Oder ich werde alle vernichten … Sie sind Aas, Feinde und Feiglinge. … Sie sind ein widerliches Volk, ich bedauere es, nicht härter durchgegriffen zu haben. Sie werden sehen, zu was die eiserne Faust Mussolinis im Stande ist.“
Als sich der „Duce“ zu diesen Ausbrüchen hinreißen ließ, steuerte die antisemitische Kampagne in Italien einem ersten Höhepunkt zu – eine Kampagne, die 1936 mit einer Propaganda-Offensive gegen die Juden Italiens begonnen hatte. Seit Anfang 1938 ging es dann Schlag auf Schlag. Im Februar rief Mussolini zu erhöhter Wachsamkeit gegenüber den Juden auf. Außerdem drohte er ihnen mit einer Art Numerus clausus; die Juden sollten künftig in Wirtschaft und Kultur nur noch mit einer ihrem Anteil an der Gesamtgesellschaft entsprechenden Quote vertreten sein. Im Juli folgte die Veröffentlichung eines von Mussolini redigierten „Manifesto della razza“, das ebenso biologistisch wie antisemitisch fundiert war.
Im August 1938 wurden die Juden gezählt, und im September erließ das Erziehungsministerium eine Verordnung, die alle jüdischen Schüler und Lehrer zwang, die öffentlichen Schulen binnen kurzem zu verlassen. Ebenfalls im September nahm die faschistische Regierung die ausländischen Juden, die oft nach dem Ersten Weltkrieg nach Italien gekommen waren, ins Visier; sie verloren die italienische Staatsbürgerschaft und sollten innerhalb von sechs Monaten ausreisen. Das Gesetz zum „Schutz der italienischen Rasse“ vom 17. November 1938 „krönte“ schließlich das Werk der Entrechtung und Erniedrigung. Juden unterlagen von nun an strengsten Heiratsbe‧schränkungen, sie durften keinen Militärdienst mehr leisten und wurden aus der faschistischen Partei ausgeschlossen. Überdies verloren sie ihre Stellung im öffentlichen Dienst, und es war ihnen verboten, mehr als 50 Hektar Grund zu besitzen oder größere Firmen zu leiten.
Das alles geschah nur we‧nige Tage nach der sogenannten Reichskristallnacht, die im Deutschen Reich über 100 Juden das Leben gekostet hatte. Mussolini hat diese Exzesse zustimmend kommentiert. „Der Duce“, so heißt es im Tagebuch seines Schwiegersohns und Außenministers Galeazzo Ciano, „wird gegenüber den Juden immer aufgebrachter. Er billigt die von den Nazis ergriffenen Abwehrmaßnahmen uneingeschränkt. Er sagt, dass er in einer vergleichbaren Situation noch härter durchge‧griffen hätte.“
Dieses und die eingangs erwähnten Zitate widersprechen dem oft gehörten Argument, Mussolini sei – anders als Hitler – kein radikaler Antisemit gewesen. Auch der Einwand, das antisemitische Gesetzeswerk von 1938 habe zahlreiche Ausnahmen vorge‧sehen und überhaupt sei in Italien nie etwas so heiß gegessen worden, wie es gekocht worden sei, überzeugt nicht. Die Ausnahmeregelungen betrafen zunächst tatsächlich etwa 15 Prozent der jüdischen Bevölkerung, sie wurden aber rasch eingeschränkt oder ganz zurückgenommen, so dass es spätestens nach dem Kriegseintritt Italiens im Juni 1940 kaum mehr einen Juden auf der Apenninen-Halbinsel gab, der nicht von Diskriminierung und Verfolgung bedroht gewesen wäre.





