Bereits seit Mai dieses Jahres führt ein Team von Archäologen und Konservatoren eine Rettungsgrabung auf dem Gelände durch, da demnächst hier ein Mehrfamilienhaus entstehen soll. Es ist schon lange bekannt, dass in dieser Gegend das Zentrum des antiken römischen Cannstatt lag. So hat man nach dem Abriss der Neuapostolischen Kirche, die hier zuvor stand, mit der Baufirma einen Zeitraum vereinbart, in dem das Areal den Gräbern zu einer systematisch Untersuchung zur Verfügung stehen sollte. Umso mehr dürfte es die Wissenschaftler gefreut haben, als sie Mitte September, kurz vor Ablauf der Grabungsfrist, für ihre Mühen mit einem bemerkenswerten Fund belohnt wurden.
Was sich da in einer luftdicht verschlossenen Tonschicht des Erdreichs erhalten hatte, ist wahrlich kein alltäglicher Fund: Eine quadratische Fläche von Eichenholzbalken, die fast zweitausend Jahre überdauert haben. Die Balken sind so bearbeitet, dass sie, ähnlich wie Laminatbretter, ineinander gesteckt werden und so einen ebenen und dichten Untergrund bilden konnten. Welchem Zweck diese handwerklich anspruchsvolle Arbeit gedient hat, ist noch unklar. Grabungsleiter Dr. Andreas Thiel hält drei Funktionen für möglich. Erstens, so Thiel, könne die Holzkonstruktion als Unterbau einer Straße gedient haben. Diese Theorie speist sich aus dem Wissen um die Existenz einer Straße in unmittelbarer Nähe zum Fundort und der Funktion des römischen Cannstatt als Hauptverkehrsknotenpunkt der Region. Dagegen spreche, dass man die aufwendige Bearbeitung und die Verwendung guten Eichenholzes als „ungewöhnlich luxuriös“ für den Straßenbau betrachten müsse. Die zweite Vermutung des Archäologen nimmt die Versorgung von Mensch und Tier mit Wasser in Betracht. Diese war nämlich auf Grund der Lage der Siedlung auf dem Hallschlag nicht einfach. Die Holzbalken könnten demnach den Boden eines Wasserbeckens gebildet haben, das auf der schwierig mit Frischwasser zu versorgenden Hochterrasse als Zisterne fungiert haben könnte. Neben den dort lebenden Menschen musste auch eine große Zahl von Nutztieren, besonders Pferde, mit Wasser versorgt werden: Ein direkt angrenzendes Reiterkastell sicherte den strategisch wichtigen Ort am Neckarlimes. Bezeichnenderweise hat man hinter der Fläche der rätselhaften Holzbalken, abgetrennt durch einen Abflusskanal, Überreste eines Stalls gefunden. Erhalten sind hiervon nur noch vier senkrecht in den Boden getriebene Hölzer. Im Boden sind an dieser Stelle jedoch Mückenlarven erhalten, die Teile des Erdreichs als konservierten Dung entlarven und damit in Kombination mit dem rechteckigen Grundriss die Existenz eines Stalls sehr wahrscheinlich machen. Als dritte Möglichkeit muss man das Holz als Teil eines Fußbodens in einem Wohn- oder Wirtshaus in Erwägung ziehen. Neben verschiedenen Gebrauchsgegenständen des Alltags wie Keramikscherben, Münzen und Resten von Tafelgeschirr weisen auch zahlreiche Schlachtabfälle auf eine menschliche Behausung hin.
Ganz unabhängig von der Interpretation des Entdeckten, ist der Fund in zweifacher Hinsicht von großer Bedeutung. Zum einen hoffen die Forscher, mit Hilfe der wissenschaftlichen Methode der Dendrochronologie das Alter der Hölzer bestimmen und somit den genauen Beginn der Siedlung datieren zu können. Zum anderen, so erklärt Dr. Thiel, könne das Material auch Aufschlüsse zur Umweltgeschichte der Region geben: War das Klima um 100 n. Chr. in diesem Gebiet wirklich so trist, wie man das aus antiken Quellen herauslesen kann? War das Neckargebiet Teil der von den Römern so gefürchteten „germanischen Urwälder“? Die Cannstatter Hölzer könnten der Forschung neue Erkenntnisse in Bezug auf diese Fragen geben und damit auch die Vorstellung vom Leben am Neckarlimes entscheidend verändern.





