von RITA VOLLMER
Das wirkmächtige Klischee, der Machtapparat der Papstkirche und eine jesuitische Verschwörung hätten die Hexenverfolgungen als „Gynozid“ an Millionen Frauen gesteuert, hat seine Wurzeln in der protestantischen Aufklärung und in den polemischen Auseinandersetzungen des Kulturkampfes im 19. Jahrhundert. Aus derlei Vorwürfen geboren, wurde bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts die „Hexe“ zur Ikone der ersten, dann seit den 1970er Jahren der zweiten und jetzt der dritten feministischen Bewegung erhoben.
Das Feindbild der historischen Verfolgungen erlebte die erstaunliche Umdeutung zu einem Symbol für weibliche Naturverbundenheit, Individualität, Selbstfindung und Befreiung von männlicher Unterdrückung. Heute erfreut sich die Identifikationsfigur „Hexe“ in den sozialen Medien größter Beliebtheit.
Die Wurzeln der Hexenmythen führen uns zurück in das 18. Jahrhundert zu Eberhard David Hauber (1695–1765). Der lutherische Theologe wollte mit seinem zwischen 1738 und 1745 entstandenen dreibändigen Werk „Biblioteca sive acta et scripta magica“ und sozialpädagogischem Impetus die Furcht vor einem körperlich agierenden Teufel und damit aktuelle wie zukünftige Hexenprozesse unterbinden.
Antiquarisch motivierte Sammler folgten seinen Spuren, damit das (vermeintlich) untergehende magische Wissen archivalisch-publizistisch gesichert und der Triumph der Aufklärung über den Aberglauben propagiert werden konnte. So entstanden etwa Elias Caspar Reichards „Vermischte Beyträge … Zur Verminderung und Tilgung des Unglaubens und Aberglaubens“ (1781, 1788), „Das Grab des Aberglaubens“ (1775–1786) von Ernst Urban Keller, die „Zauber-Bibliothek“(1821–1826) von Georg Conrad Horst oder die „Bibliotheca magica et pneumatica“ (1843) von Georg Theodor Grässe.
Die Zahl der vermeintlichen Opfer ist viel zu hoch gegriffen
Im protestantisch-aufklärerischen Milieu wurde jene falsche Hochrechnung von angeblich mehr als neun Millionen getöteten Hexen erschaffen – eine Opferzahl, die in feministischen und neo-paganen Kreisen des 20. Jahrhunderts noch willkürlich anschwellen sollte. Barbara Ehrenreich und Deirdre English sprachen in „Witches, Midwives and Nurses. A History of Women Healers“ (1972) ebenfalls von Millionen getöteter Frauen. Seriöse Schätzungen gehen hingegen für ganz Europa von 50 000 bis 60 000 Hinrichtungen wegen Hexerei aus. Je nach Region waren 70 bis 80 Prozent der Opfer Frauen (in protestantischen Territorien rund 90 Prozent).
Zeitgleich mit sammelnden Aufklärern beschäftigten sich die beiden Bibliothekare Jacob und Wilhelm Grimm gleich auf dreifache Weise mit den Hexen. Die Sammlung „Deutsche Sagen“ (1816, 1818) wiederholte einige Geschichten über vermutete Schadens- und Wetterzauber, Hexentanz sowie magische Flüge, die aus frühneuzeitlichen Schriften von Gegnern und Befürwortern der Hexenverfolgungen stammten.





