von RENÉ BLOCH
Weil der Römer Titus Jerusalem zerstörte und Israel aus seinem Land verbannte, infolge dieser historischen Katastrophe, bin ich in einer Stadt im Exil geboren.“ Mit diesen dramatischen Worten nahm der israelische Schriftsteller Shmuel Agnon 1966 in seiner Bankettrede anlässlich des Erhalts des Nobelpreises für Literatur Bezug auf eines der einschneidendsten Ereignisse in der jüdischen Geschichte: den Fall Jerusalems und den Verlust des Tempels im Jahr 70 n. Chr. Agnon gab damit die verbreitete Ansicht über die Anfänge der jüdischen Diaspora wieder, nach der der Fall des Zweiten Jerusalemer Tempels den Beginn des jüdischen Exils bedeutete. Folgt man dieser Sicht, dann kam Agnon wegen Titus 1888 in Buczacz (in der heutigen Ukraine) zur Welt, bevor er 1908 nach Palästina, in das spätere Israel, auswanderte, um dort zu einem der führenden Schriftsteller des Landes zu werden.
In Wirklichkeit reicht die Geschichte der jüdischen Diaspora viel weiter zurück, zumindest bis ins 6. Jahrhundert v. Chr. (in Ägypten und Babylonien). Als der Jerusalemer Tempel fiel, lebte die Mehrheit der Jüdinnen und Juden schon lange außerhalb Israels. Die jüdische Diaspora-Präsenz in der antiken mediterranen Welt vor 70 n. Chr. ist jedenfalls gut dokumentiert. Dass Shmuel Agnon nicht in Jerusalem zur Welt kam, ist also nicht unbedingt Titus anzukreiden.
Eine Katastrophe kosmischen Ausmaßes, derer das orthodoxe Judentum bis heute gedenkt
In der jüdischen Erinnerung, die stark vom rabbinischen Verständnis des Tempelverlusts geprägt ist, stellt die Zerstörung Jerusalems eine Katastrophe von kosmischem Ausmaß dar. Nicht nur Israel, sondern auch Gott, der sich vom Tempel in den Himmel zurückzog, ging ins Exil. Dort imitiert Gott die Trauerriten der Menschen: Er löscht die Lichter aus, geht barfuß und weint (so im „Midrasch Echa Rabbati“ 1, 1). Und ähnlich begeht das orthodoxe Judentum den Gedenk- und Fastentag Tischa be-Av („der Neunte im Monat Av“) bis heute, sowohl in der jüdischen Diaspora als auch im jüdischen Staat. Auf dem Boden sitzend, lesen Jüdinnen und Juden das biblische Buch der Klagelieder (Eicha), in dem die Zerstörung des Ersten Tempels durch die Babylonier (587 v. Chr.) im Zentrum steht, sowie eine Reihe von Klagegesängen (Kinnot).
Nach jüdischer Tradition fielen am 9. Av sowohl der Erste als auch der Zweite Tempel (Mischna Taanit 4, 6), und auch weitere Katastrophen wurden kalendarisch auf diesen Tag konzentriert, zum Beispiel die Verfolgungen der jüdischen Gemeinden in Speyer, Worms und Mainz während des Ersten Kreuzzugs sowie die Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492.
Der Fall des Jerusalemer Tempels hatte weitreichende Folgen: für die Juden, aber auch für Rom und nicht zuletzt für das beginnende Christentum. Christen legten das Tempelinferno als Beweis dafür aus, dass Gott beschlossen habe, ein neues, das wahre Israel (Verus Israel) zu erwählen und die Juden für ihre Ablehnung von Jesus Christus zu bestrafen.





