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Neandertaler praktizierten selektiven Kannibalismus
Geschichte & Archäologie

Neandertaler praktizierten selektiven Kannibalismus

Die Neandertaler trugen nicht nur gewaltsame Konflikte aus, sie könnten auch gezielten Kannibalismus an Frauen und Kindern konkurrierender Gruppen praktiziert haben. Belege dafür liefern nun Neuanalysen fossiler Knochen aus der Höhle von Goyet in Belgien. Dort wurden vor 41.000 bis 45.000 Jahren vier Neandertaler-Frauen und zwei Kinder getötet und verspeist. Die nicht-lokale Herkunft der Toten und der Körperbau der getöteten Frauen legen nahe, dass die ortsansässigen Neandertaler diese Opfer gezielt auswählten.
Autor
Nadja Podbregar
02. Dezember 2025
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Geschichte & Archäologie

Die Neandertaler waren zwar den Angehörigen ihrer Gruppe gegenüber fürsorglich, doch Fossilfunde belegen auch eine grausame Seite dieser vor gut 40.000 Jahren ausgestorbenen Frühmenschen. Demnach verstümmelten einige Neandertaler die Leichname von Toten und auch auf Kannibalismus gibt es Hinweise. Die wichtigsten Zeugnisse dafür stammen aus der Höhle von Goyet in Belgien. In ihr haben Paläoanthropologen 101 Knochenfragmente von Neandertalern entdeckt, von denen viele Spuren einer nachträglichen Bearbeitung tragen: Ähnlich wie bei den Knochen geschlachteter Tiere weisen die 41.000 bis 45.000 Jahre alten Knochenstücke Spuren von Schnitten, Schlägen und gezieltem Herauslösen des Knochenmarks auf.

Vier Frauen und zwei Kinder fremder Herkunft

“Diese Bearbeitungsspuren liefern Belege für einen der Ernährung dienenden Kannibalismus”, erklären Quentin Cosnefroy von der Universität Bordeaux und seine Kollegen. Offenbar wurden diese Neandertaler getötet, in die Höhle gebracht und dort entbeint und verzehrt. Bisher blieb jedoch unklar, aus welcher Motivation diese Tat geschah. “Der Kannibalismus der Neandertaler könnte eine breite Palette von Motiven umfassen, von Überlebensstrategien über zwischenartliche Konkurrenz bis zu einem rituellen Kontext”, schreiben die Forschenden. Sie haben die Knochen aus der Goyet-Höhle deshalb noch einmal genauer untersucht, um mehr über die Opfer und die möglichen Beweggründe ihrer Schlachtung zu erfahren.

Die anatomischen und genetischen Analysen ergaben, dass die Knochenfragmente von mindestens vier jüngeren Frauen, einem halbwüchsigen Jungen und einem Kleinkind stammen. Im Vergleich zu anderen Fundstätten von Neandertaler-Toten sei dies eine sehr einseitige, spezifische Geschlechts- und Altersverteilung, erklären Cosnefroy und sein Team. “Diese Resultate sprechen dafür, dass die Toten von Goyet eine absichtliche Auswahl von Individuen darstellen”, schreiben die Paläoanthropologen. Isotopenanalysen bestätigten zudem, dass die Kannibalismus-Opfer nicht aus der lokalen Umgebung stammten, sondern fremder Herkunft waren. Dies spreche für exo-kannibalistische Praktiken, so das Team. Damit gemeint ist ein Kannibalismus, bei dem nur Angehörige fremder Gruppen getötet und verzehrt werden.

Gezielte Auswahl der Opfer

Vermessungen der Knochenfragmente zeigten jedoch noch eine Auffälligkeit. Demnach waren die getöteten und kannibalisierten Neandertaler-Frauen auffällig klein gewachsen und zart gebaut. “Wir können daher spekulieren, dass die Neandertaler von Goyet nicht nur wegen ihrer Herkunft zu Kannibalismus-Opfern wurden, sondern dass sie im Rahmen einer gezielten Jagd auf grazile, kleingewachsene Frauen und Heranwachsende getötet wurden”, schreiben Cosnefroy und seine Kollegen. Diese gezielte Auswahl ist ihrer Ansicht nach nicht mit einer Notlage wie beispielsweise Hunger zu erklären. Denn in derselben Fundschicht der Goyet-Höhle gab es auch reichlich Tierknochen mit Schlachtspuren. Stattdessen vermuten die Paläoanthropologen, dass Konkurrenz und Konflikte zwischen benachbarten Neandertalergruppen der Grund für den Exo-Kannibalismus gewesen sein könnte. Demnach wurden die Frauen und Kinder geraubt und getötet, um diese rivalisierende Gruppe zu schwächen.

Möglicherweise war auch der Zeitpunkt dieses Kannibalismus-Ereignisses kein Zufall. Denn die Tötung der Neandertaler-Frauen und -Kinder ereignete sich zu einer Zeit, als sich schon erste Gruppen des Homos sapiens in Europa ausbreiteten – unsere Vorfahren. Die Präsenz dieser konkurrierenden Menschenart könnte die damals noch verbliebenen Neandertaler-Gruppen zusätzlich unter Druck gesetzt haben. Möglicherweise verstärkte es auch ihre Konflikte untereinander, wie das Team erklärt. “Der Kannibalismus-Fall von Goyet repräsentiert den bisher überzeugendsten Beleg für die Konkurrenz zwischen Gruppen unter den Populationen der spätpleistozänen Neandertaler-Populationen”, schreiben die Forschenden.

Quelle: CNRS, Fachartikel: Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-025-24460-3

GoyetKannibalismusNeandertaler
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