Einen Höhepunkt bildete die Hochzeit König Heinrichs I. von Frankreich mit Anna, der Tochter des Großfürsten Jaroslaw I. von Kiew, im Jahr 1051. Auf Annas Wunsch wurde der bald geborene Thronfolger auf einen Namen getauft, der bis dahin in Frankreich unbekannt war, dort aber bis heute populär geblieben ist: Philippe. Die Namensgebung zeugt von der kulturellen Wirkmächtigkeit, die Frauen in der Fremde entfalten konnten.
Michael Borgolte hat sich in einer Reihe biographischer Skizzen mit der Frage befasst, wie Frauen die zumeist fremdbestimmte Migration bewältigten – und ist zu dem Schluss gekommen, dass kaum eine Erfahrung der anderen glich. Mal reagierten die Frauen mit offener Ablehnung, mal ergingen sie sich in stillem Erdulden. Häufig akzeptierten sie einfach ihre Pflicht als Angehörige eines Herrscherhauses. Nicht selten boten sich in der Ferne auch Freiräume und Chancen.
Beispiele für Frauen, die in der Fremde ihr Glück fanden, Anteil an der dortigen Regierung hatten oder sogar die alleinige Regentschaft übernahmen, kennt das Mittelalter genug: So wurde die byzantinische Prinzessin Theophanu als Frau des römisch-deutschen Kaisers Otto II. und Regentin für ihren Sohn Otto III. wesentlich einflussreicher, als es sich eine Nichte des oströmischen Kaisers je hätte erträumen können. Ihre Schwiegermutter Adelheid von Burgund, die zweite Frau Ottos des Großen, profitierte davon, dass sie eine gewaltige Mitgift mit in die Ehe brachte: Als Witwe König Lothars II. verschaffte sie ihrem zweiten Mann die Herrschaft über Norditalien. Zudem verfügte sie über exzellente Kontakte zum Reformkloster Cluny. So konnte sie Otto gegenüber selbstbewusst auftreten.
Nutzte Adelheid die Chance, die ihr eine zweite Ehe bot, so konnten Patchworkfamilien jedoch auch zu heiklen Situationen führen: Im Fall der normannischen Prinzessin Emma, die gleich zweimal einen englischen König heiratete und ein Leben zwischen großem Einfluss und schmachvollem Exil führte, brachte erst eine Reihe von Todesfällen unter ihren Söhnen und Stiefsöhnen Ordnung in die Erbfolge. Allerdings starben diese in der falschen Reihenfolge – was Emma mit dem Verlust von Macht und Einfluss bezahlte.
Autor: Felix Melching





