Die Hethiter waren neben Ägypten und Assyrien die dritte Großmacht des bronzezeitlichen Orients. Ihr Reich erstreckte sich über weite Teile Kleinasiens und den Nahen Osten. Zentrum der Macht war von 1600 bis 1200 v. Chr. die Hethiter-Hauptstadt Hattuša, deren Ruinen gut 150 Kilometer östlich der heutigen Stadt Ankara in der Türkei liegen. Die von neun Kilometer langen Mauern geschützte Stadt war der Sitz der hethitischen Großkönige und umfasste zu ihrer Blütezeit monumentale Tore, Tempel und ein bis zu 180 Hektar großes Stadtgebiet. Heute gehört die Region Boğazköy-Hattuša zum UNESCO-Weltkulturerbe und wird seit mehr als 100 Jahren von Archäologen erkundet.
Keilschrifttafeln mit Ritualtexten
Im Rahmen ihrer Ausgrabungen haben Archäologen in Boğazköy-Hattuša auch fast 30.000 Tontafeln mit Keilschrift gefunden. Diese Tafeln, die seit 2001 Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes sind, liefern reiche Informationen über die Geschichte, Gesellschaft, Wirtschaft und nicht zuletzt die religiösen Traditionen der Hethiter und ihrer Nachbarn. Ein Team um Daniel Schwemer von der Universität Würzburg und Andreas Schachner vom Deutschen Archäologischen Institut erforschen diese die Keilschriftfunde, die vorwiegend in hethitischer Sprache verfasst sind, der ältesten bezeugten indogermanischen Sprache und der vorherrschenden Sprache an diesem Ort.
Doch bei Ausgrabungen im Jahr 2023 hat das Forschungsteam eine Keilschrifttafel entdeckt, die neben dem Hethitischen auch eine Passage in einer bisher unbekannten Sprache enthält. Die Textpassage findet sich in einem hethitischen Ritualtext . Die Archäologen gehen aufgrund des Textkontextes davon aus, dass es sich dabei um das Zitat einer rituellen Rezitation in dieser fremden Sprache handelt. “Die Hethiter waren in einzigartiger Weise daran interessiert, Rituale in fremden Sprachen aufzuzeichnen”, erklärt Schwemer. “Ritualtexte, die von Schreibern des hethitischen Königs verfasst wurden, spiegeln verschiedene anatolische, syrische und mesopotamische Traditionen und sprachliche Milieus wider. ”
“Sprache des Landes Kalašma”
Die Entdeckung einer weiteren Sprache in den Keilschrift-Archiven von Boğazköy-Hattuša ist daher nicht völlig unerwartet. Im hethitischen Text wird das zitierte Idiom als die “Sprache des Landes Kalašma” bezeichnet. Kalašma war in der Bronzezeit ein Gebiet am nordwestlichen Rand des hethitischen Reiches, wahrscheinlich lag es in der Gegend der heutigen türkischen Provinz Bolu. Noch ist nicht bekannt, was in dem neuentdeckten “Kalašma-Text” steht, da die Sprache noch unbekannt und nicht entschlüsselt ist. Nach ersten Analysen der Linguistin Elisabeth Rieken von der Philipps-Universität Marburg, einer Spezialistin für altanatolische Sprachen, gehört sie jedoch zur Familie der anatolisch-indoeuropäischen Sprachen.





