Seit der „Brutus vom Kapitol“ im Jahr 1815 seinen Platz dauerhaft in den Kapitolinischen Museen gefunden hat, bietet sich nun die einmalige Gelegenheit, das auffallend fein gearbeitete Kunstwerk außerhalb Roms zu betrachten. Das Porträt zeigt einen bärtigen Mann mittleren Alters. Unwillkürlich ziehen den Betrachter die detailreich gestalteten Augen in den Bann. Die Augäpfel in leuchtendem Weiß, die Iris in rötlich schimmernden Karneol, die Pupille aus Eisen. Die ausdrucksstarken Gesichtszüge vermitteln eine tugendhafte Strenge und Weisheit, wie es für Darstellungen hoher römischer Amtspersonen charakteristisch ist.
Bereits in der Renaissance galt dieses eindrucksvolle Beispiel römischer Bronzegießkunst unbestritten als Bild des Brutus. Eine besondere Aufwertung erfuhr der Brutuskopf im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Das Motiv des Kämpfers gegen die Tyrannis besaß im revolutionären Paris eine besondere Attraktivität. Zudem ließ sich an seinem Beispiel die Radikalität der Revolution trefflich rechtfertigen, hatte er doch seine Söhne kurzerhand hinrichten lassen, als man ihm mitteilte, dass sie an einer Verschwörung zur Wiederherstellung der Königsherrschaft beteiligt gewesen seien. Jaques-Louis David setzte diese Szene in seinem Gemälde „Die Liktoren bringen Brutus seinen toten Söhne“, das im Sommer 1789 entstand, ins Bild, dabei stand ihm für die Darstellung des Brutus der Bronzekopf „Modell“. Mittlerweile zweifelt die Forschung jedoch daran, ob der bärtige Mann aus Bronze den „echten“ Brutus darstellt. Es handelt sich wohl eher um das Bild eines Mannes aus einer bedeutenden römischen Familie.
Ausführlich widmet sich die Berliner Ausstellung der nachantiken Geschichte des Porträts. Die früheste Skizze der Büste, die der holländische Maler Maarten van Heemskerck nach einem Besuch in Rom in den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts anfertigte und die sich heute im Besitz der Staatlichen Museen zu Berlin befindet, wird dem Besucher im Alten Museum direkt neben der Brutusbüste präsentiert. Faszinierend ist, dass der „Brutus“ in der Aufstellung in Bezug zu anderen römischen Porträts gesetzt wird, so dass man stilistische Vergleiche anstellen kann; besonders erwähnt sei der herausragende Caesarkopf aus grünem Schiefer, der sich keineswegs hinter dem Gast vom Kapitol zu verstecken braucht. Eine Auswahl an Münzbildern, die der Caesarmörder Marcus Iunius Brutus in Erinnerung an seinen prominenten Ahnen prägen ließ, machen deutlich, wie die Bronzebüste überhaupt mit Brutus in Verbindung gesetzt werden konnte.





