„Ohne Zweifel vermag nichts den Blick so auf sich zu lenken, wie der nackte menschliche Körper“. Diese Äußerung des Fotojournalisten Kurt Freytag von 1909 hat bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Die Ausstellung macht sich diesen Umstand zunutze und beschäftigt sich mit der historischen, ästhetischen und weltanschaulichen Entwicklung von Körperbildern in der Fotografie. In sieben Kapiteln widmet sich die Schau der Bedeutung und der Funktion des unverhüllten menschlichen Körpers in der Fotografie und erzählt die Geschichte des Mediums: „Akademien und Exotik des 19. Jahrhunderts“, „Kunstfotografie um 1900 (Piktoralismus)“, „Avantgarden der 20er und 30er Jahre“, „Künstlerische Positionen nach 1945“, „Freikörperkultur“, „Der männliche Akt“ und „Der Glamourakt“. Erste kolorierte Daguerreotypien wohlgerundeter Damen mit geröteten Wangen von 1855 treffen auf die ungeschönte voyeuristische Selbstdarstellung des Fotografen Frank Stürmer von 2004. Diese beiden Fotografien markieren die Eckpfeiler der Ausstellung, die anhand von mehr als 250 bedeutenden Werken den Wandel der Aktfotografie über sechzehn Jahrzehnte beleuchtet. Aktfotografie ist immer auch ein Verhandeln zwischen Zeigen und Verhüllen.
Der Umgang mit Nacktheit ist eng geknüpft an die jeweilige gesellschaftliche Situation, die Moralvorstellungen und an das Schönheitsideal einer Epoche. Das Motiv des Aktes bewegt sich dabei immer zwischen der kunsthistorischen Tradition und der Reaktion auf zeitgenössische Impulse, die durch den Fotografen interpretiert werden. So führt beispielsweise die Emanzipationsbewegung der Frauen zu neuen Sichten auf den weiblichen wie männlichen Körper, etwa im Werk von Herlinde Koelbl. Was am Anfang des 20. Jahrhunderts noch Anstoß erregte, moralische Bedenken und heikle Debatten auslöste, treibt heute kaum noch einem Zeitgenossen die Schamesröte ins Gesicht. Nicht nur die Motive haben sich verändert, auch die Reproduzierbarkeit der Bilder und ihre Verbreitung in Medien nehmen Einfluss auf die Wahrnehmung und Bedeutung von Nacktheit in der Gesellschaft.
Am Anfang der Geschichte der Aktfotografie stehen die so genannten „Akademien“, die im 19. Jahrhundert Malern, Zeichnern und Bildhauern als Studienvorlagen dienten und sich an kunsthistorischen Vorbildern der Antike und Renaissance orientierten. Zunehmend emanzipierte sich die Aktfotografie aber bald von der bloßen Vorlage für die Malerei und Skulptur und entwickelt eigene künstlerische Ambitionen: In der symbolistisch geprägten Kunst des FindeSiècle entdecken Fotografen den Akt als Abbild von Seelenstimmungen und Sehnsüchten. Im naturwissenschaftlich orientierten ausgehenden 19. Jahrhundert diente der menschliche Körper zu Bewegungsstudien, wie bei den berühmten Serienaufnahmen des menschlichen Bewegungsablaufs von Eadweard Muybridge.





