Für eine solche “Ferndiagnose” gibt es Anhaltspunkte in einigen Chroniken: Der äußerst gut informierte Paduaner Geschichtsschreiber Albertino Mussato, der als Gesandter seiner Stadt mehrfach bei Heinrich geweilt hatte, beschreibt im 16. Buch seiner Historia Augusta, folgende drei Leiden als Todesursache des Kaisers: “Zunächst ein tödliches Geschwür am Unterschenkel unterhalb des Knies von der Art, welches die Ärzte Anthrax (= Karbunkel) nennen, sodann eine Verletzung der Blase in Folge der Harnbeschwerden, an welchen er beständig litt, endlich drittens ein Geschwür zwischen den Rippen, welches er, wie man erfuhr, nach dem Tode ausgespien habe.”
Der wenig später schreibende Zeitgenosse Ferreto dei Ferreti aus Vicenza berichtet ebenfalls über einen Karbunkel, hohes Fieber und dickflüssigen Harn, der “eine sehr entschiedene Rostfarbe” gezeigt habe. Die Erkrankung sei derart gewesen, daß die Ärzte die Heerführer vom nahen Tod des Kaisers informiert hätten. In zwei Seneser Chroniken aus dem 15. Jahrhundert, deren Verfasser aus zeitgenössischem Material geschöpft haben, lesen wir, Heinrich sei an dauerndem Fieber, an einer “peste” und an Ausfluß gestorben (Tommaso di Montauri). Das Wort “peste” könnte man mit Seuche, Gestank, aber auch mit Geschlechtskrankheit übersetzen. Agnolo di Tura präzisiert, die Krankheit habe in Brescia begonnen, Heinrich sei aber bald darauf wieder gesund geworden. Auf dem Heereszug gegen Florenz sei das Leiden dann durch die Florentiner Frauen wieder ausgebrochen, und es habe ihn verzehrendes Fieber überfallen. In Pisa sei er aber fast schon wiederhergestellt gewesen. Während des folgenden Feldzuges sei die Krankheit jedoch zurückgekehrt. Der Herrscher habe beständig an Fieber und Ausfluß gelitten und sei schließlich gestorben. Scheinbar ganz im Gegensatz dazu steht die Erzählung des Pisaner Chronisten Ranieri Sardo aus den 50er Jahren des 14. Jahrhunderts, Heinrich sei so keusch gewesen, daß sein Same im Körper gefault sei – Berichte über den Ausfluß mögen in Sardo die Vorstellung von fauligem Samen hervorgerufen haben. Wenn man allerdings bedenkt, daß der Tripper im Mittelalter durchaus bekannt war, kommt mir angesichts dieser kuriosen Diagnose der Verdacht auf, der Pisaner habe durch seine Erzählung Heinrichs “Keuschheit” ironisierend ins rechte Licht rücken wollen. Immerhin urteilte er an anderer Stelle kurz und prägnant, der Kaiser sei ein Mann des guten Lebens von nur mäßigem Verstand gewesen. Einige Zeitgenossen mögen tatsächlich geargwöhnt haben, Heinrich habe an Tripper gelitten.Die Krankheit war zwar – wie erwähnt – im Mittelalter bekannt, doch eine exakte ärztliche Diagnose war noch nicht nicht möglich. Die Gonokokken nämlich, der Erreger der Gonorrhö, sind erst 1879 durch Albert Neisser entdeckt worden, und es gibt mehrere Krankheiten, die sich durch ähnliche Symptome bemerkbar machen – man denke nur an den weit verbreiteten Prostatakrebs oder diverse Arten von Entzündungen der Harnröhre.
Gegen Gonorrhö spricht, daß diese zwei bis drei Wochen nach der Ansteckung aus der akuten in die chronische Form übergeht, bei welcher der Ausfluß fast ganz verschwindet. Heinrich war im März in Pisa eingetroffen und hatte die Belagerung von Florenz bereits Anfang November abgebrochen. Die Gonorrhö hatte also bis August genügend Zeit gehabt, chronisch und damit unsichtbar zu werden. Der natürliche Tod des Kaisers scheint offensichtlich, und nur ganz nebenbei, mehr der Vollständigkeit halber, wird in den modernen Darstellungen das Gerücht erwähnt, Heinrich sei von seinem Beichtvater, einem Dominikaner, vergiftet worden. Ich frage mich allerdings, ob man ein Gerücht so einfach unter den Tisch fallen lassen kann, das sich derart hartnäckig gehalten hat, daß es nicht nur in so manches historiographische Werk Italiens, Deutschlands und Frankreichs Eingang gefunden, sondern 33 Jahre später sogar dazu geführt hat, daß sowohl Heinrichs Sohn, König Johann von Böhmen, als auch sein Enkel, Markgraf Karl von Mähren, gegenüber Papst Clemens VI. schwören mußten, nicht zu glauben, der Kaiser sei durch einen Predigermönch vergiftet worden.





