Die sterblichen Überreste von Menschen aus früheren Jahrhunderten können einiges über sie und die Gesellschaft, in der sie leben, verraten. Wenn beispielsweise eine bestimmte Bevölkerungsgruppe überproportional häufig verfrüht starb oder an schweren Krankheiten litt, kann dies auf schlechte Lebensbedingungen, Armut und Benachteiligung hindeuten. Allerdings ist es schwer, allein anhand von Skeletten zu beurteilen, ob der betreffende Tote wirklich vorzeitig starb oder kränker war als es dem damaligen Durchschnitt entsprach. “So unschätzbar wertvoll Skelette für die Rekonstruktion des Lebens in der Vergangenheit sind – sie sind keineswegs perfekte Spiegel der damals lebenden Menschen oder Populationen”, erklären Samantha Yaussy von der James Madison University in den USA und ihre Kollegen.
Skelette verraten Anfälligkeit für Krankheit und frühen Tod
Um mehr Klarheit zu schaffen, haben Yaussy und ihr Team eine neue Methode entwickelt, um die Anfälligkeit für Krankheit und Tod bei historischen Toten zu ermitteln. Auf Basis von früheren Studien stellten sie dafür zehn Biomarker zusammen, die an den Gebeinen der Toten ablesbar sind. Zu diesen Biomarkern gehörten mehrere Merkmale, die auf vorgeburtliche oder frühkindliche Mangelernährung oder Krankheiten hindeuten. Unter diesen sind beispielsweise eine verkürzte Beinlänge durch gestörtes Körperwachstum, Spuren von Rachitis oder Kerben in den Zähnen, die auf Nährstoffmangel während des kindlichen Zahnwechsels hindeuten. “Gesundheitsprobleme in der Kindheit haben oft deutliche Auswirkungen auf die Anfälligkeit und Resilienz im Verlauf des späteren Lebens”, erklärt das Team.
Im nächsten Schritt wendeten die Bioarchäologen diese Biomarker auf 343 Tote aus vier mittelalterlichen Friedhöfen in London an. Unter diesen ist der East Smithfield Cemetery in der Nähe des Towers von London, in dem besonders viele Opfer der mittelalterlichen Pest bestattet wurden. Ein weiterer Friedhof, St. Mary’s Graces, gehörte zu einem Kloster und diente bis zur Reformation als Ruhestätte sowohl für Mönche als auch für Klosterbeschäftigte und die allgemeine Bevölkerung der Umgebung. Auf dem Friedhof des mittelalterlichen St. Mary Hospitals wurden hingegen sowohl arme Menschen oder im Kindbett gestorbene Frauen als auch normale Bürger der Stadt beerdigt.
Im Tode gleich, im Leben nicht
Die Analysen der Gebeine zeigten tatsächlich einen Zusammenhang zwischen den Skelettmerkmalen für geschwächte Widerstandskraft und einen vorzeitigen Tod. “Die Individuen mit den niedrigsten Werten bei den Anfälligkeitsmarkern lebten im Schnitt länger als die mit höheren Werten”, berichtet das Team. Anders als in vielen modernen Gesellschaften zeigten sich dabei jedoch keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen. “Aus anderen Studien wissen wir, dass Frauen typischerweise länger überleben”, erklärt Yaussy. Auch die Schwere vieler Erkrankungen und Infektionen ist bei Frauen im Schnitt geringer. Zum Teil hängt dies mit einem immunfördernden Effekt des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen und einer eher immunhemmenden Wirkung des männlichen Testosterons zusammen.





