Erfrischend wirkt es da, wenn ein Altlinker wie Karl Schlögel, der in Moskau und dem damaligen Leningrad studierte, viele Jahre in der Sowjetunion lebte und einer der besten deutschsprachigen Kenner des in dieser Form untergegangenen Reiches wurde, eine Ode an die USA verfasst, welche die Schattenseiten der amerikanischen Gesellschaft und des American Way of Life nicht übersieht, sie aber immer wieder in Relation zum einstigen weltpolitischen Rivalen oder dessen heutigen Epigonen setzt, etwa bei der individuellen Freizügigkeit und beim Umgang miteinander: „Die Bedeutung der Automobilität und Dichte des Flugnetzes ist erst vollständig zu ermessen, wenn man ihr Fehlen und die damit verbundene Einschränkung von Bewegungsfreiheit erfahren hat.“ Und: „Dass Höflichkeit und Abstandswahrung gesellschaftliches Leben erst erträglich macht, versteht besser, wer am eigenen Leib die Rohheit des Umgangs im Alltag einer von ständiger Knappheit und Gewalt imprägnierten Gesellschaft erfahren hat.“
Schlögel zeichnet ein Bild vor allem einer Epoche: des 20. Jahrhunderts, das den Aufstieg der USA zur Weltmacht sah und an dessen Ende die globale Dominanz dieser Nation stand, die heute – so die Interpretation von den USA wenig geneigten Analysten – einer multipolaren Welt Platz gemacht hat, mit der alles andere als liberalen Volksrepublik China als wichtigstem Rivalen. Ob sich dieses Amerika neu erfindet, sei unklar, konstatiert Schlögel und sieht vor allem in den Ereignissen des 6. Januar 2021 ein Menetekel, „dem offenen Aufstand gegen die bis dahin unantastbar geltenden Orte und Institutionen der amerikanischen Demokratie.“
Doch überwiegend Optimismus strahlen all die Wegmarken aus, die das Publikum bei der Lektüre besucht, und die Chronisten, deren der Autor sich bei der Erschließung von Zeit und Raum bedient: Reisende wie Alexis de Tocqueville und Max Weber, Literaten wie Philip Roth, Thomas Mann und W. E. B. Du Bois, die Schöpfer der Shopping Malls, der „Kathedralen des Goldenen Zeitalters“ wie der Grand Central und der Penn Station und der gigantischen Infrastrukturmaßnahmen von Präsident Roosevelts New Deal, erbaut – wie Schlögel feinfühlig anmerkt – mit Hilfe von Maschinen und nicht durch die knochenbrecherische Fron von Gulag-Sträflingen. Das Buch atmet förmlich den Duft der sich verfärbenden Wälder im „Indian Summer“ und des Thanksgiving Turkeys, der Museumslandschaften in New York und Washington, der kollektiven Lebensfreude im Yankee Stadium und am Strand von Santa Monica. Und den Duft der Freiheit.
Mit seinen 830 Seiten scheint „American Matrix“ nicht gerade prädestiniert, um im Handgepäck mitgenommen zu werden auf dem langen Flug nach Los Angeles, Phoenix oder Seattle. Doch dort angekommen, kann man sich keine inspirierendere Lektüre vorstellen, bevor man sich in einer „Karawanserei der Moderne“, wie Schlögel die Motel- und Hotelketten entlang der Highways und der Landstraßen nennt, zur Ruhe bettet – gespannt darauf, welche für Europäer überraschenden, manchmal auch schockierenden Erlebnisse, Ansichten und Begegnungen der nächste Tag in diesem weiten Land für den Reisenden bereit hält.





