Öko-Experimente im Schatten der Gewalt
Dieses SS-Unternehmen bediente sich tatsächlich einiger Formen von Zwangsarbeit, die noch kurz zuvor in Bayern rechtlich undenkbar gewesen wären. Und es erfüllte im Zweiten Weltkrieg zentrale Aufgaben für die Vorbereitung einer Kolonisierung der Sowjetunion durch deutsche „Siedler“ – während der von den Nationalsozialisten geplanten Eroberung neuen „Lebensraums im Osten“. Der Anbauplan ihrer Kulturen war jedoch nicht monokulturell, sondern, ganz im Gegenteil, auf biologische Artenvielfalt ausgelegt – und hatte den ökologischen Landbau zum Thema. Dies ist nicht das einzige Paradox in der Geschichte der Anlage.
Auf der Basis von Zwangsarbeit erzeugte die DVA ab 1939 landwirtschaftliche Rohstoffe. Sie verarbeitete diese zu Arznei- und Genussmitteln sowie zu Ersatzstoffen für Nahrungsmittel weiter, die in der deutschen Kriegswirtschaft knapp waren. Etwa 1000 Häftlinge des Konzentrationslagers wurden täglich bei jeder Witterung zu schwerer körperlicher Arbeit auf den Feldern und zur Verarbeitung der Erzeugnisse gezwungen. Unzureichende Kleidung, Unterernährung und Schikanen der SS machten die kräftezehrende Arbeit zur lebensgefährlichen Tortur.
Die SS ließ hier Heilkräuter, Gewürze, Gemüse, Getreide, Blumen und Obst anbauen. Diese wurden zu einem Ersatzgewürz für den tropischen Pfeffer, zu Teemischungen, Nahrungsergänzungsmitteln und Obstsäften mit hohem Vitamin-C-Gehalt weiterverarbeitet. Ziel der NS-Ernährungs- und Gesundheitspolitik war es, im Krieg unabhängig von ausländischen Gewürzen, Genussmitteln und Medikamenten zu werden und eine „deutsche Volksheilkunde“ auf Basis von naturheilkundlichen Verfahren und Produkten aus heimischen, agrarischen Rohstoffen zu etablieren.
Während die Nationalsozialisten hier pflanzliche Nahrungsmittel produzierten, mussten die Gefangenen, welche die Felder bestellten, hungern. Der Häftling Johann Hess erinnerte sich später: „Das Hungergespenst verfolgte uns bei Tag und Nacht.
Das Viertel Brot, das wir täglich erhielten, hätten wir ohne Anstrengung schon in der Frühe aufzehren können, aber es musste für den ganzen Tag ausreichen. Ich teilte es jeweils in fünf Schnitten. Andere hielten es für richtiger, sich einmal am Tag ‚satt‘ zu essen.“
Wenn die Häftlinge aus Abfällen und Komposten noch die letzten Gemüsereste herausklaubten, wurde dies, falls sie erwischt wurden, mit hohen Strafen belegt. Der Häftling Richard Schneider berichtete: „Infolge der ärmlichen, unzureichenden Kost suchten die Häftlinge alles Eßbare zu erhaschen: Gras, Blätter, … was alles auf der Plantage zu finden war.“ Johann Hess beobachtete, wie in den DVA-Anlagen die Häftlinge „jedes Kräutlein“ daraufhin untersuchten, „ob die Blätter oder der Stengel oder die Wurzeln essbar seien“.





