Mit Beginn des sechsten Jahrtausends vor Christus wuchs die Siedlungsdichte im nördlichen Voralpenraum deutlich an – es entstanden viele neue Siedlungen, die vor allem im Umfeld von Seen und in Flusstälern lagen. Rund 300 von ihnen gehörten zur sogenannten Altheim-Kultur, deren Bauten sich im bayrischen Voralpenland konzentrierten. Zu diesen gehört auch die Feuchtbodensiedlung im oberbayerischen Pestenacker. Sie ist heute Teil des UNESCO-Welterbes „Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen“.
Mitten im Moor
Datierungen zufolge wurde die Siedlung Pestenacker um 3496 v. Chr. errichtet. Sie lag am Ostrand eines sumpfigen Tals, durch das zwei kleine Zuflüsse der Lech flossen. Trotz des feuchten, moorigen Untergrunds waren die 19 Holzhäuser der jungsteinzeitlichen Siedlung aber keine Pfahlbauten, sondern lagen ebenerdig. Das belegen die gut erhaltenen Reste dieser Gebäude, die durch das später ansteigende Grundwasser bedeckt und konserviert worden waren. Das weckte die Frage, warum die Siedler von Pestenacker ihre Häuser ausgerechnet mitten in ein Moor bauten – und warum dies zu einem Zeitpunkt geschah, als das Klima in Mitteleuropa eher feuchter als trockener wurde.
Um diese Frage zu klären, haben Anne Köhler von der Universität Leipzig und ihre Kollegen die im Untergrund liegenden Siedlungsreste in Pestenacker noch einmal näher untersucht. Dafür verwendeten sie unter anderem die sogenannte Direct-push-Technologie: Dabei wird eine dünne Sonde in den Boden gedrückt, um unter anderem die Leitfähigkeit in den verschiedenen Schichten zu messen. Zusammen mit Sedimentkern-Bohrproben gibt dies Aufschluss darüber, welche Bedingungen damals in Pestenacker herrschten. “Die Ergebnisse dieser Technologie geben einen beeindruckenden Einblick in die Strukturen und den Aufbau der Sedimente und ermöglichen dabei den Erhalt der empfindlichen archäologischen Holzbauten”, erklärt Köhler.
Mehr Regen, aber trockener Talgrund
Die Untersuchungen enthüllten, dass das Tal, in dem Pestenacker lag, vor rund 5500 Jahren zwar tatsächlich von einem kühlen Klima und reichen Niederschlägen gekennzeichnet war. Paradoxerweise führte dies aber dazu, dass Teile des Moores trockener und bebaubar wurden. Die Sedimentanalysen belegen, dass die Torfbildung damals zumindest im Siedlungsbereich zum Erliegen kam. Den Grund dafür enthüllten weitere Proben. Nach diesen entstand durch das Wasser, das in Folge der vermehrten Niederschläge durch das Tal floss, ein relativ tief eingeschnittener Bach. Dieser wirkte wie eine Drainage und sorgte dafür, dass der Grundwasserspiegel in den angrenzenden Moorgebieten absank, wie das Team herausfand.
“Das paradoxe Resultat dieses Prozesses ist, dass Teile des Talbodens trockener wurden”, berichten Köhler und ihre Kollegen. Dies eröffnete den jungsteinzeitlichen Menschen der Altheim-Kultur die Chance, sich dort niederzulassen und ihre Siedlung zu errichten. “Diese neue Erkenntnis widerspricht früheren Schlussfolgerungen, nach denen es während der Pestenacker-Siedlungsphase im Tal erhöhte Grundwasserspiegel und eine zunehmende Tümpelbildung gegeben hat”, erklärt das Archäologenteam. Stattdessen vernässte das Siedlungsgebiet wahrscheinlich erst später, als sich das
Klima wieder änderte und der Bach versiegte. Die von ihren Bewohnern aufgegebene Siedlung versank dadurch allmählich im Moor.





