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Party mit dem Sonnenkönig
Vom ‚Herbst des Mittelalters‘ bis zum sterbenden Rokoko rauscht ein bacchantischer Festzug durch die Gassen und Gärten, die Schlösser und Kirchen Europas. Hier ziehen Reiter und Tänzer durch die Straßen, kostbar geschmückt oder seltsam vermummt, kolossale Bilder schwanken im Getümmel, dort bedeckt sich ein Fluß, ein…
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Die Fürstenhöfe sollen Glanz verbreiten
Feste waren unverzichtbarer Bestandteil des Lebens an den europäischen Fürstenhöfen zwischen dem 16. und frühen 19. Jahrhundert. Diese Fürstenhöfe, egal ob der eines mächtigen Herrschers wie des Königs von Frankreich oder der eines deutschen oder italienischen Fürsten, der nur ein kleines Territorium regierte, zeichneten sich alle durch die gleichen Funktionen aus. Sie waren der Ort, an dem der Fürst mit seiner Familie lebte, zugleich Sitz der Regierung und magnetischer Anziehungspunkt für alle, die im Fürstendienst Karriere machen wollten.
Zugleich präsentierte sich hier der Fürst seinen Untertanen, er demonstrierte seine Macht (oder zumindest seine Ansprüche), und dies geschah im architektonischen Rahmen eines Palastes und besonders gern in Form höfischer Feste, die vom Herrscher finanziert wurden und bei denen alle Aktivitäten dazu dienten, die Magnifizienz des Fürsten und seiner Familie zu preisen.
Einen Höhepunkt der europäischen Festkultur stellen zweifellos die Feste des „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV. (reg. 1643–1715) von Frankreich dar. Untrennbar verbunden ist mit seinem Namen der Palast und Park von Versailles, die Bühne für die zahllosen Feste seiner langen Regierungszeit.
Doch bevor wir einen näheren Blick auf die Feste Ludwigs XIV. werfen, ist eine wichtige Präzisierung notwendig: Das gigantische Schloss, vor dem wir heute staunend stehen, existierte noch nicht, als Ludwig XIV. dort in den 1660er und 1670er Jahren seine großen Gartenfeste feiern ließ. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Ausbau des Jagdschlosses Ludwigs XIII. (reg. 1610–1643), des „Kartenhauses“, wie es Louis de Rouvroy, Herzog von Saint-Simon, in seinen Erinnerungen nannte, erst begonnen.
Ludwig und sein Hof hielten sich in diesen Jahren immer nur für einige Wochen in Versailles auf. Erst im Mai 1682 verlegte der König dauerhaft seine Residenz nach Versailles (das bis zu seinem Lebensende eine Baustelle blieb). Damit veränderte sich auch die Festkultur am Hof grundlegend.
Das höfische Fest konnte auf eine lange Tradition zurückblicken, als der junge Ludwig XIV. 1651 erstmals im Rahmen eines Festes als Tänzer in einem Ballett auftrat. Schon während der
Regierungszeiten der französischen Könige Franz I. (reg. 1515–1547), Heinrich II. (reg. 1547–1559), Karl IX. (reg. 1560–1574) und Heinrich III. (reg. 1574–1589) gab es rauschende Feste, die sich durch aufwendige Kostüme und Bühnenbauten, die Vermischung von Tanz, Theater und Musik auszeichneten und sich über mehrere Tage hinzogen.
Bereits im 16. Jahrhundert entstand das ballet de cour, in dem Höflinge allegorische Persönlichkeiten verkörperten. Heinrich II. starb 1559 bei einem Turnier anlässlich des Fests zur Feier des Friedensschlusses mit dem Haus Habsburg. Ihm drang die Lanzenspitze seines Gegners ins Auge, eine Verletzung, die er nur wenige Tage überlebte. Sein Tod bedeutete das Ende der mittelalterlichen Reiterturniere, die nun als zu gefährlich erachtet wurden.
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Schon früh wurde Ludwig XIV. an Tanz und Theater herangeführt. Der König erwies sich als ein begnadeter Tänzer. In mehrfacher Hinsicht war das „Ballet royal de la Nuit“ vom 23. Februar 1653 eine Innovation: Zahlreiche spektakuläre Bühnenbilder wechselten sich in rascher Folge ab, Burleske vermischte sich mit Poesie und mythologischen Allegorien.
Der 15-jährige Ludwig trat dabei erstmals im Kostüm Apollos und der Sonne auf. Der Figur des Apollo unterwarfen sich alle anderen Tänzer und gaben dem Ballett damit eine ungemein politische Bedeutung, denn nur wenige Wochen zuvor war die Fronde, ein zuerst von den Gerichtshöfen, den parlements, dann von Teilen des Hochadels angezettelter Bürgerkrieg, siegreich für die Krone zu Ende gegangen.
Die Zeit der großen Feste währt rund 25 Jahre
Das „Ballet royal de la Nuit“ läutete die Epoche der großen Feste der Regierung Ludwigs XIV. ein, die bis um 1680 andauerte. Drei Formen der Feierlichkeiten lassen sich für diese Epoche unterscheiden: die entrées, die carrousels und die Gartenfeste oder auch divertissements.
Mit entrée bezeichnet man den feierlichen Einzug des Monarchen in eine Stadt, eine Tradition, die in Frankreich bis in die Spätantike zurückreicht. Anlass einer entrée solennelle ist in der Regel die Rückkehr des (natürlich) siegreichen Monarchen, der alle seine Feinde besiegt hat und dem die Stadt nun einen feierlichen Empfang bereitet.
Als Ludwig XIV. am 26. August 1660 in Paris einzog, wurden mehrere Ereignisse gefeiert. In einem feierlichen Treffen zwischen ihm und dem spanischen König Philipp IV. (reg. 1621– 1665) war am 7. November 1659 der Pyrenäenfrieden geschlossen worden, der einen fast ein Vierteljahrhundert währenden Krieg beendete. Besiegelt wurde der Friedensschluss mit der Hochzeit des jungen Monarchen mit der spanischen Infantin Maria Teresa, die zugleich seine Kusine war.
Triumphzug und Lobeshymnen
Die Stadt Paris musste entsprechend nicht nur den siegreichen Herrscher empfangen (wenngleich die eigentlichen Architekten des Sieges Kardinal Mazarin und sein Berater Hugues de Lionne waren), sondern auch die frischvermählten Brautleute und die neue Königin.
Dafür wurden Festdekorationen, Tore und Tribünen, geschmückt mit mythologischen und allegorischen Bildprogrammen, errichtet. Gelehrte, Geistliche und Literaten – darunter der junge Jean Racine (1639–1699), einer der großen Theaterautoren des 17. Jahrhunderts – überboten sich mit ihren Panegyriken (Lobreden), um nicht einfach einen königlichen Einzug, sondern einen Triumphzug zu organisieren.
Alle Korporationen der Stadt defilierten vor dem König in ihrem festlichen Ornat. Auch die Miliz und die Mitglieder der Universität erwiesen dem Königspaar ihre Reverenz. Nach einem mehrstündigen Zug durch die Stadt, immer wieder unterbrochen durch Reden und den Jubel der sich in den Straßen drängenden Bevölkerung von Paris, erreichte der Zug schließlich den Louvre. Zu Beginn des Abends feierten Stadt und Bevölkerung ein großes Fest, das mit einem großen Feuerwerk endete. Die Kusine des Königs, Mademoiselle de Montpensier, schrieb in ihren Memoiren von diesem Triumphzug, dass er ihr unvergleichlich erschien und in keinem anderen Land dergleichen möglich sei.
Vergleichbare entrées gab es seitdem nicht mehr. Zwar wurde auch gefeiert, als Ludwig XIV. 1681 in den eroberten Städten Straßburg und Freiburg einzog. Hier hielt sich aber der Aufwand in Grenzen, nicht zuletzt um die frisch unterworfene Bevölkerung nicht zur sehr zu verärgern.
Das erste große Fest, das der junge Ludwig XIV. organisieren ließ, war das carrousel vom 5. bis zum 6. Juni 1662 in den Tuilerien. Das carrousel stellte eine Art „entschärftes“ mittelalterliches Turnier dar, bei dem die Beteiligten dennoch ihr Können auf dem Pferde zeigen konnten. Ross und Reiter waren in prächtige Kostüme gekleidet, die eine eindeutige politische Botschaft vermitteln sollten: Ludwig XIV. verkörperte den römischen Kaiser der Antike, den Herrscher über die Welt, und so wurde den Zuschauern – halb Paris sah zu – noch einmal der Sieg des Königs über den ehemals revoltierenden Adel vor Augen geführt.
Als Teilnehmer des Reiterfestes unterwarfen sich die ehemaligen Rebellen in symbolischen Gesten dem „römischen“ Kaiser. Für das carrousel wählte Ludwig XIV. erstmals offiziell die Sonne als Wappen und „erfand“ damit seinen Beinamen „Sonnenkönig“. Die 1661 gewählten Devisen und Symbole sollten für die weitere Darstellung und die „Bildpolitik“ Ludwigs XIV. prägend sein.
Versailles wird zum Zentrum der aufwendigen Inszenierungen
Trotz des großen Erfolges des carrousel gab es keine regelmäßigen Fortsetzungen dieses Festtyps, auf den nur noch in reduzierter Form im Rahmen von anderen Feierlichkeiten zurückgegriffen wurde.
Ludwig hatte einen neuen Ort für das höfische Fest gefunden: den Park von Versailles. Hier fanden 1664 die „Plaisirs de l’Île enchantée“ („Die Vergnügungen der verzauberten Insel“) statt, ein viertägiges Fest (7. bis 13. Mai 1664), das den Damen des Hofes gewidmet war, der Königinmutter, der Königin, und Ludwigs „Königin des Herzens“, seiner Mätresse Louise de La Vallière.
Am 18. August 1668 folgte das „Grand Divertissement Royal“ zur Feier der Siege im Devolutionskrieg (1667–1668) und als (noch) diskrete Huldigung der neuen Herzensdame, der Marquise de Montespan. Sie stand auch sechs Jahre später im Zentrum der Aufmerksamkeit während des auf sechs Tage zwischen Anfang Juli und Ende August 1674 verteilten grand divertissement. Offizieller Anlass war diesmal die soeben gelungene Eroberung der Franche-Comté im Holländischen Krieg (1672–1678).
Die Gartenfeste zeichneten sich durch eine Verbindung verschiedenster Festformen aus. Kleine carrousels, Bälle, Bankette, Feuerwerk, Theater, Ballett und Oper wechselten sich ab; die Feste dauerten bis weit in die Nacht.
Während den „Plaisirs de l’Île enchantée“ ein Motiv aus dem Epos „Das befreite Jerusalem“ von Torquato Tasso (1544–1595) zugrunde lag, gab es diese Zuspitzung auf eine Thematik nicht in den beiden divertissements. In ihnen wurde der Ruhm des Königs als Eroberer und Friedenstifter (1668) gefeiert. Zu den divertissements und auch zum carrousel von 1662 erschienen prächtig ausgestattete offizielle Festberichte, die sich großer Nachfrage erfreuten.
Im Gegensatz zum carrousel von 1662 entfielen bei den Gartenfesten die klare Hierarchisierung und die Unterwerfungsgesten des Adels. Die Höflinge bewegten sich mit dem König inmitten des Geschehens und hatten somit die Gelegenheit, sich dem König zu nähern und sich zu präsentieren. Der Adel wurde am Hof nicht diszipliniert, wie man lange dachte, sondern Adel und König bestätigten sich wechselseitig in ihrer Funktion.
Mit dem Umzug nach Versailles wandeln sich die Abläufe
Der Umzug nach Versailles 1682 schuf eine neue Form des Festes, die fêtes d’appartement. Das Fest wurde zum Alltag. Elisabeth-Charlotte („Liselotte“) von der Pfalz, die 1671 den Bruder des Sonnenkönigs, Herzog Philipp I. von Orléans, geheiratet hatte, verdanken wir eine frühe Beschreibung des Ablaufes: „Alle Montag, Mittwoch und Freitags seind jours d’appartement. Da versammeln sich alle Mannsleute vom Hof ins Königs antichambre und alle Weiber um sechs in der Königin Kammer. Hernach geht man alle miteinander in den salon, wovon ich alleweil gesprochen; von da in ein groß Kabinett, allwo die violons sein vor die, so tanzen wollen. Von da geht man in eine Kammer, wo des Königs Thron ist. Da findt man allerhand Musik, concerten und Stimmen. Von da geht man in die Schlafkammer, allwo drei Tafeln stehen, um Karten zu spielen, vor den König, die Königin und Monsieur [Philippe]. Von da geht man in eine Kammer, so man wohl einen Saal nennen kann, worinnen mehr als zwanzig Tisch stehen mit grünen sametten Teppichen mit golden Fransen, um allerhand Spiel zu spielen. Von da geht man in eine große antichambre, allwo des Königs billard steht. Von da in eine andre Kammer, allwo vier lange Tisch, worauf die collation [das Buffet] ist, allerhand Sachen, Obstkuchen, confituren … Von da geht man noch in eine andere Kammer, wo auch vier Tafeln stehen so lang als die von der collation, worauf viel Karaffen mit Gläser stehen und allerhand vin de liqueurs.“
Den Abend oder besser die Nacht verbrachte man mit diversen Glücksspielen. Im Vergleich zu den Gartenfesten, die bei aller Nähe zum König dessen Einzigartigkeit hervorhoben und feierten, bewegte er sich hier – fast – wie unter seinesgleichen. Niemand erhebe sich, wenn der König den Raum betrete, so Liselotte. Die fêtes d’appartement zeichneten sich durch ihren privaten Charakter aus. Der Hof war unter sich (die Gartenfeste von 1668 und 1674 waren der Bevölkerung von Paris zugänglich), und man ging scheinbar ungezwungen miteinander um.
Der Marquis de Sourches, ein Chronist des Hofes, betonte den „Geist von Freiheit“ der fêtes d’appartement, ermöglicht „durch die Güte des Königs …, der sogar darauf bestand, dass man ihm an diesen Tagen keinerlei Reverenz erwies und der ungezwungen inmitten der Spieler und Zuschauer hin und her ging“.
Das Ostentative, die Zurschaustellung des Königs und der Hofgesellschaft, die die großen Feste prägte, war hier völlig verschwunden. Ludwig XIV. gab sich betont „zugänglich“, ohne die Distanz und das strenge Zeremoniell, die den sonstigen Tagesablauf prägten. Der König bewegte sich jetzt unter seinen Höflingen scheinbar auf Augenhöhe. Mochten die fêtes d’appartement auch weniger spektakulär sein als die großen Gartenfeste, so waren sie gleichwohl glanzvolle Momente des höfischen Lebens.
Molière und Lully bespielen die Bühnen des Schlosses
Zur Unterhaltung standen Ludwig XIV. über seine gesamte Regierungszeit einige der herausragendsten und innovativsten Künstler Frankreichs zur Verfügung. In den ersten Jahrzehnten der Regierung zählten die Komödien Molières (1622–1673) zum festen Bestandteil der großen Gartenfeste. Die gemeinsam mit dem Komponisten Jean-Baptiste Lully (1632–1687) geschaffene Kunstform der comédie-ballet mischte Theater und Musik, die bekannteste ist „Der Bürger als Edelmann“ („Le Bourgeois gentilhomme“).
Nach Molières Tod kreierte Lully, der die besondere Protektion des Königs genoss, die tragédie lyrique, mit der er sich von der italienischen Oper distanzierte. Weitere Autoren wie der Dramatiker Jean Racine und Musiker wie Jean-Antoine Charpentier (1643– 1704) oder Michel-Richard Delalande (1657–1726) prägten die Musik- und Festkultur am Hof Ludwigs XIV. nachhaltig.
Kehren wir abschließend noch einmal zurück zum Zwang der Fürsten zur Selbstdarstellung. Ludwig XIV. selbst sinnierte über die Bedeutung der Feste in den als Instruktionen für seinen Sohn gedachten „Memoiren“, die in den 1660er Jahren unter seiner Aufsicht verfasst wurden. Die höfischen Feste, so Ludwig, „sind ja so sehr unsere Vergnügungen als die unseres Hofes, ja unseres ganzen Volkes.“
Höfische Feste – Ludwig nimmt das carrousel von 1662 als Beispiel – würden den Untertanen den Zugang zum Monarchen ermöglichen: „Eine solche Vertraulichkeit mit uns gestattet, beglückt und bezaubert sie [die Höflinge] mehr als man sagen kann. Das Volk andererseits hat seine Freude an dem Schauspiel, dessen Zweck ja im Grunde auch doch immer ist, ihm zu gefallen, und alle unsere Untertanen im ganzen genommen sind entzückt zu sehen, dass wir lieben, was auch sie lieben … Damit gewinnen wir ihren Sinn und ihr Herz, vielleicht noch mehr als durch Belohnungen und Wohltaten.“
Allerdings nahm die Mehrheit der Franzosen im 17. Jahrhundert an den Vergnügungen des Hofes nicht teil. In den großen Städten wie Paris boten mehrere vom Hochadel unterstützte Theater auch den einfachen Leuten Ablenkung und Unterhaltung. Zur Zerstreuung traf man sich in den Tavernen. Gefeiert wurde an den zahlreichen kirchlichen Feiertagen, bei den wiederkehrenden Messen und natürlich zu Karneval, Letzteres auch für den höfischen Festkalender ein wichtiges Datum. Von den reich gedeckten Tischen der appartements in Versailles konnte die Landbevölkerung, immerhin rund 90 Prozent der Franzosen, nur träumen. Ihr Tisch blieb auch bei Festen eher spärlich gedeckt.
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