Lange haben die Griechen in enger Verbindung zu jenen Städten, Fürstentümern und Reichen gelebt, die in Mesopotamien, Ägypten und an der Levante schon hohe Kulturen ausgebildet hatten, während bei ihnen noch alles in den Anfängen steckte. Man spricht von einer ostmediterran-vorderasiatischen Koine, die sich da ausgedehnt habe. Die Ägäis lag an ihrem westlichen Rand. Schon bei Homer ist von den phönizischen Kaufleuten die Rede, die dort ihren Handel treiben. Die Griechen selbst machten sich bald in die Gegenrichtung auf. Zumal seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. pflegten sie neben den Handelswaren vielerlei Kenntnisse, Techniken, Fachleute aus dem Osten zu importieren, und das hat in ihren eher einfachen frühen Verhältnissen wie ein Schub gewirkt.
Gewiß, sie waren anders als die andern. Lebten in vielen kleinen, selbständigen Gemeinwesen, legten großen Wert auf Freiheit und Eigenständigkeit. Von ihrer weiteren Geschichte, zumal von heute aus, ist das ganz deutlich.
Aber all die verschiedenen Völker und Reiche in der Koine unterschieden sich voneinander. Wenn die Griechen das Gefühl gehabt hätten, sie wären rundum anders als alle andern, so ist uns das zumindest nicht überliefert. Es ist aber auch nicht wahrscheinlich. Wenn sie einen Unterschied zwischen sich und den Barbaren machten, so bezog sich das ausschließlich auf die Sprache: Die Barbarensprachen konnten sie nicht verstehen.
In Kleinasien hatten sie es in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft mit dem Königreich der Lyder zu tun, dessen Hauptstadt Sardes einen Tagesritt von Ephesos entfernt lag. Zwar hatten die Lyder die Griechenstädte an der Ostküste der Ägäis (außer Milet) ihrer Herrschaft einverleibt. Aber die scheint wenig drückend gewesen zu sein. Die Städte mußten Tribut zahlen, hatten Rücksichten zu nehmen, Herrscherlaunen zu ertragen, konnten im übrigen aber ihr eigenes Leben leben. Ihre Adligen, auch die von der andern Seite der Ägäis, waren beim Lyderkönig gerngesehene und reichlich beschenkte Gäste. Und speziell vom letzten, dem reichen Kroisos, ist bezeugt, daß er griechischen Heiligtümern kostbare Weihgeschenke übermacht hat.
Anders wurde es, als Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. das Großreich der Perser bis an die Ägäis vorstieß und seine Herrschaft auf die Lyder wie auf die kleinasiatischen Griechen ausdehnte. Diese Perser kamen vom entgegengesetzten Ende der Koine, aus dem iranischen Bergland. Sie müssen ziemlich fremd gewesen sein. Aber sie waren großzügig. Wenn sie ihr Riesenreich, das vom Indus bis zur Ägäis, von Ägypten bis nach Zentralasien reichte, zusammenhalten wollten, blieb ihnen gar nichts anderes übrig. Also beließen auch sie den Griechen eine prekäre, aber insgesamt doch wohl weitgehende Selbständigkeit. Und sie machten keine Anstalten, die Griechen auf der gegenüberliegenden Seite des Meers zu unterwerfen.





