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RezensionRezensionen

Peter der Große?

Autor: DAMALS-Redaktion

Peter I. (1672–1725), der als Begründer des russischen Imperiums gilt, hat seit Beginn von Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine eine unrühmliche Aktualität gewonnen. Maßgeblichen Anteil daran hat derjenige, der diesen Krieg zu verantworten hat. Wiederholt rechtfertigte Wladimir Putin seine aggressive Macht- und Ex…

Peter der Große?
Peter I. (1672–1725), der als Begründer des russischen Imperiums gilt, hat seit Beginn von Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine eine unrühmliche Aktualität gewonnen. Maßgeblichen Anteil daran hat derjenige, der diesen Krieg zu verantworten hat. Wiederholt rechtfertigte Wladimir Putin seine aggressive Macht- und Expansionspolitik mit Verweis auf den von ihm zutiefst verehrten Zaren, der ebenfalls die Mission verfolgt habe, verlorene Territorien zurückzuerobern und sein Reich zu stärken. Es ist insofern kein Zufall, dass Putin am Anfang und am Ende der vorliegenden Biographie über Peter I. steht, und es ist auch kein Zufall, dass im Titel der gerade in der deutschen Geschichtsschreibung gängige Zusatz „der Große“ fehlt. Denn das verbreitete Bild des charismatischen, genialen Ausnahmeherrschers von scheinbar übermenschlicher Größe ist für die Russlandexpertin Martina Winkler, die Geschichte Osteuropas an der Universität Kiel lehrt, in weiten Teilen ein Mythos.
Autor
DAMALS-Redaktion
03. November 2025
Lesezeit
2 Minuten
Rubrik
Rezensionen

Wie aber erklärt sich jene beinahe überbordende Glorifizierung eines fraglos begabten Staatsmanns und Feldherrn, die erst den Nährboden für die spätere geschichtspolitische Vereinnahmung bot? Die Verfasserin beobachtet, dass bereits der Regent selbst viel dazu beitrug, sich in seinem Tun und Handeln vorteilhaft zu präsentieren und zu inszenieren – ein letztlich wenig überraschender, beinahe zeitloser Befund. Ihr Bemühen, die Bedeutung der historischen Figur zu relativieren, wirkt sich auch auf die Vorgehensweise aus. Das Scheinwerferlicht solle nicht so sehr auf den Zaren und Kaiser selbst gerichtet sein als vielmehr auf die ihn umgebenden Personen und „auf Dynamiken, Entwicklungen und kulturelle Muster“. In diesem Fall stellt sich allerdings die Frage, ob der Inhalt zum Titel passt.

Die dichte Darstellung besticht gewiss immer wieder mit originellen Passagen, klugen Vergleichen und wichtigen Einsichten. Für wen sie jedoch geschrieben ist, bleibt unklar. Es steht zu bezweifeln, ob sich der interessierte Leser unter „wissenshistorischen Dimensionen“, „Legitimationsschichten“ oder auch nur unter einer „zeichengesättigten Gesellschaft“ wirklich etwas vorzustellen vermag. Der Fachkundige wiederum vermisst eine kritische Einordnung in den Wissensstand, Aussagen zur Überlieferungslage sowie eine präzisere Begrifflichkeit. Auch geraten etliche Abschnitte, etwa zu kirchenpolitischen Maßnahmen, ungewöhnlich kurz. Man legt das Buch, das leider trotz seiner 548 Seiten auf Register verzichtet, am Ende verwirrt zur Seite. Die Biographie wurde, wie die Verfasserin einleitend schreibt, „mit Blick auf den gerade bevorstehenden 300. Todestag des Monarchen“ verfasst. Es ist bedauerlich, dass nicht einmal dieser Anlass aus dem Titel, der keine Lebensdaten enthält, hervorgeht.

Rezension: Prof. Dr. Joachim Bahlcke

Martina Winkler
Peter I.
Zar und Kaiser
Eine Biografie
Verlag Böhlau, Köln 2024, 548 Seiten, € 49,–

PeterRezensionTitelWinkler
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