Besonders berühmt geworden sind die Siedlungen auf Stelzen durch die Rekonstruktionen im Freilichtmuseum von Unteruhldingen am Bodensee. Doch Pfahlbauten standen vom 5. bis zum 1. Jahrtausend v. Chr. auch an den Ufern einiger anderer Seen Europas, wie aus Funden bekannt ist. Die ältesten Überreste gewähren dabei besonders seltene Einblicke in die Lebenswelt zu Beginn der Jungsteinzeit in Europa. Diese Epoche ist besonders spannend, da sie vom Übergang von den Jäger- und Sammler-Kulturen zur bäuerlichen Lebensweise geprägt war.
Wie alt sind die Pfähle aus dem Ohridsee?
Im aktuellen Fall richtet sich der Blick auf einen See im Südwesten des Balkans, der an Albanien und Nordmazedonien grenzt. Berühmt ist der rund 30 Kilometer lange und 15 Kilometer breite Ohridsee bisher vor allem durch seine geologische Geschichte: Er gilt als der älteste See Europas, denn während andere erst gegen Ende der letzten Eiszeit entstanden, existierte er schon vor 1,36 Millionen Jahren. Doch wie sich zeigte, ist der Ohridsee nicht nur geologisch, sondern auch archäologisch spannend: In der Bucht von Ploča Mičov Grad in der Nähe der nordmazedonischen Stadt Ohrid wurden Pfähle im Grund entdeckt. Bislang ging man allerdings davon aus, es handle sich um die Reste einer Siedlung aus der Zeit um 1000 v. Chr.. Doch ein internationales Archäologenteam wollte es nun genauer wissen: Die Forscher unterzogen das teils gut erhaltene Holz dazu dendrochronologischen Untersuchungen und führten Radiokarbondatierungen durch.
Die Analysen von insgesamt etwa 800 Pfählen belegten schließlich eine überraschend tief-reichende und umfangreiche Siedlungsgeschichte in der Bucht von Ploča Mičov Grad: Demnach gab es dort verschiedene Siedlungsphasen, die von der Jungsteinzeit – der Mitte des 5. Jahrtausends v. Chr. – bis in die Bronzezeit reichten. Die offenbar intensive und langanhaltende Bautätigkeit erklärt die außergewöhnliche Dichte von Holzpfählen an der Fundstelle: Die Siedlungen wurden gewissermaßen übereinander gebaut, sagen die Archäologen.
Licht auf eine landwirtschaftliche Schlüsselregion
Wie sie betonen, haben die Befunde weitreichende Bedeutung: „Die präzisen Datierungen der unterschiedlichen Siedlungsphasen von Ploča Mičov Grad stellen wichtige zeitliche Referenzpunkte für eine Chronologie der Prähistorie im südwestlichen Balkan dar“, sagt Co-Autor Albert Hafner von der Universität Bern. Die zeitliche Einordnung ist dabei für die Beurteilung weiterer möglicher Funde besonders wichtig. Denn der Seegrund im Bereich der einstigen Pfahlbausiedlungen birgt eine sogenannte Kulturschicht, geht aus den bisherigen Untersuchungen ebenfalls hervor. Sie ist bis zu 1,7 Meter dick und enthält unter anderem Überreste von geerntetem Getreide, Wildpflanzen und Tieren, die Rückschlüsse auf die Entwicklung der Landwirtschaft und Viehhaltung in der Region geben können, sagen die Wissenschaftler.





