Aufbauend auf der hauseigenen Kirchner-Sammlung, die mit zahlreichen Hauptwerken zu den bedeutendsten weltweit zählt, präsentiert die Ausstellung anhand hochkarätiger internationaler Leihgaben Werke aus allen Schaffensphasen des Künstlers. Neben Meisterwerken aus der Brücke-Zeit mit ihren Aktdarstellungen, den Arbeiten aus den Berliner Jahren mit den berühmten Straßenszenen, den vom Ersten Weltkrieg geprägten Gemälden, in denen sich Kirchners Existenzängste spiegeln, sowie den Davoser Arbeiten mit Sujets der Schweizer Bergwelt wird auch das weniger bekannte Früh- und Spätwerk des Künstlers vorgestellt. Die kontrovers diskutierten Arbeiten der Spätzeit im „neuen Stil“, die durch kompromisslose Flächigkeit und einen hohen Abstraktionsgrad überraschen, sind in Frankfurt erstmals in vollem Umfang gemeinsam mit seinen Hauptwerken zu sehen. Die Retrospektive im Städel Museum ermöglicht einen neuen Blick auf die verblüffende Modernität Kirchners, dessen exzessives Leben in seiner Kunst auf unvergleichliche Weise seinen Niederschlag fand.
Zum Auftakt der chronologisch angeordneten Ausstellung gibt eine Gruppe bedeutender Selbstporträts einen Überblick über die unterschiedlichen Lebensabschnitte des 1880 in Aschaffenburg geborenen und 1938 in Frauenkirch-Wildboden bei Davos durch Suizid gestorbenen Künstlers. Dass Kirchner viel mehr war als „nur“ ein Expressionist, kann hier bereits exemplarisch an der großen stilistischen Bandbreite der Werke abgelesen werden. Das nächste Ausstellungskapitel widmet sich Kirchners Frühwerk, das ihn auf der künstlerischen Suche zeigt. Er wählt Elemente aus dem Impressionismus, dem Symbolismus und dem Fauvismus. Van Gogh, Henri Matisse und Edvard Munch sind wichtige Referenzpunkte. Während in Kirchners Gemälde „Fehmarn-Häuser“ von 1908 eine nachimpressionistische und von van Gogh geprägte Malweise anklingt, wird bei vielen Bildern nach der Begegnung mit Werken von Matisse 1909 die innovative Kraft der betonten Fläche zum beherrschenden Element.
Der Einfluss des französischen Meisters zeigt sich auch deutlich in dem Gemälde „Liegende Frau in weißem Hemd“ von 1909 aus der Sammlung des Städel, das in der Ausstellung erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden kann. Da es sich auf der Rückseite des Gemäldes „Nackte Frau am Fenster“ aus dem Jahr 1922/23 befindet, wurde es bisher als wenig bedeutend bewertet. Die doppelseitige Bemalung von Leinwänden zählt zu einer Besonderheit in Kirchners Werk. „Auch ich muss etwas sparen jetzt, und das Material ist sehr kostspielig geworden. Aber die Leinwand hat Gott sei Dank 2 Seiten“, schrieb der Künstler 1919. Dadurch, dass Kirchner die Rückseite nicht, wie er es nannte, „restauriert“, das heißt, später bearbeitet hatte – was häufig vorkam –, gehört „Liegende Frau in weißem Hemd“ zu den wenigen großformatigen Frühwerken, die im Originalzustand erhalten sind. Auch die Signatur zeugt davon, dass das Bild als abgeschlossenes Werk betrachtet werden kann.





