Die 66jährige Regierungszeit Ramses’ des Großen, wie er später zur Unterscheidung von seinen vielen Nachfolgern gleichen Namens im Volksmund genannt werden sollte, war eine Abfolge von Superlativen: Kein anderer Herrscher regierte länger als er – abgesehen von der legendären Regierungszeit Pepis II. –, kein anderer König ließ so viele Tempel bauen, Monumentalstatuen errichten und Obelisken aufstellen, keiner seiner Vorgänger hatte so viele Frauen geheiratet und so viele Kinder gezeugt, und kein anderer Pharao es je gewagt, sich im ägyptischen Kernland bereits zu Lebzeiten als Gott verehren zu lassen.
Ramses (was übersetzt heißt „[Der Sonnengott] Re hat ihn geboren“) kam als drittes Kind von Sethos I. und dessen Hauptgemahlin Tuja, der Tochter eines Streitwagenoffiziers, zur Welt. Sein älterer Bruder war wie viele Neugeborene seiner Zeit schon früh gestorben, und so wuchs er zusammen mit seinen beiden Schwestern und den Söhnen aufstrebender Hofbeamter im Palast auf. Entsprechend damaliger Praxis wurden junge Adlige zusammen mit den Königskindern erzogen, um sie an das Königshaus zu binden und ihre Loyalität zum Thronfolger zu stärken. Das Konzept ging auf: Viele seiner alten Spielkameraden sollten Ramses später treue Dienste als hochrangige Beamte in seiner Verwaltung leisten.
Ramses’ Familie stammte aus „bürgerlichen“ Verhältnissen und war nicht mit den Herrschern der vorangehenden 18. Dynastie verwandt. Nach den unglückseligen Ereignissen der Amarna-Zeit unter Echnaton, die den Verlust der außerägyptischen Herrschaftsgebiete zur Folge gehabt hatte, war mit König Haremhab ein Angehöriger des Militärs an die Macht gekommen und in Ägypten eine Art Militärdiktatur entstanden. Dementsprechend hatten Ramses’ Vater und auch sein Großvater ihre Karriere in der ägyptischen Armee begonnen: der Großvater als Offizier im Elitekorps der ägyptischen Armee, der Streitwagentruppe, und der Vater als Truppenoberst der Infanterie.
Sein hochdekorierter Großvater wurde vom kinderlosen Haremhab zum Nachfolger auserwählt und bestieg als Ramses I. 1292 v. Chr. den ägyptischen Thron. Er war der Begründer einer neuen Dynastie, die als die 19. gezählt wird. Nach der kurzen Regierungszeit von nur knapp zwei Jahren verfolgte sein Sohn und Nachfolger Sethos I. (1290–1279 v. Chr.), der Vater Ramses’ II., vor allem das Ziel, die frühere Stärke und Größe des Landes wiederherzustellen und Ägypten vor Angriffen von außen zu schützen.
So müssen wir wohl davon ausgehen, daß Ramses ganz im militärischen Geist erzogen wurde, dem die Familie ihren Aufstieg verdankte. Die Widmungsinschrift im Tempel seines Vaters in Abydos, einer wichtigen Quelle für die Jugendjahre des Königs, berichtet, daß Ramses bereits im Alter von zehn Jahren zum Befehlshaber der Armee und zum offiziellen Thronfolger mit dem Titel „Ältester Königssohn“ ernannt worden sei. Ob diese von ihm selbst überlieferten biographischen Angaben verläßlich oder aber nachträglich geschönt sind, bleibt offen.





