Als Seneca das Licht der Welt erblickte, gab es von Nero noch weit und breit keine Spur. Geboren wurde der spätere Ratgeber des Tyrannen während der Regierung des ersten Kaisers Augustus, der jenes sensible monarchische System in Rom begründet hatte, das Nero später als Kulisse für seine politischen Eskapaden mißbrauchen sollte. Das genaue Geburtsdatum Senecas ist nicht bekannt, manche Forscher legen sich auf 4 v. Chr., andere auf 4 n. Chr. fest. Auf jeden Fall liegt es in der Zeit um Christi Geburt. Somit war er etwa 40 Jahre älter als sein zukünftiger Schützling. Seine Heimat war Corduba in Spanien, das heutige Córdoba, 152 v. Chr. von den Römern gegründet und deshalb auch eine römische Stadt. Trotz der iberischen Herkunft war Seneca also ein echter Römer; die Qualität seiner zahlreichen Schriften belegt eindrucksvoll, wie versiert der Mann aus der Provinz auf dem Gebiet der römischen Sprache und Kultur gewesen ist.
Seneca hatte den gleichen Namen wie sein Vater, so daß man sich angewöhnt hat, von Seneca dem Älteren (dem Vater) und Seneca dem Jüngeren (dem Sohn) zu sprechen. Der ältere Seneca verschaffte dem jüngeren beste Startbedingungen für eine vielversprechende Karriere. Von Haus aus verfügte die Familie über gute Beziehungen zu den Spitzen der stadtrömischen Gesellschaft. Nicht ohne Erfolg betätigte sich der Vater als Rhetor und Historiker. Der Sohn, so hoffte er, würde ihm nacheifern wollen. Um etwas zu werden, mußte der junge Seneca aber Corduba verlassen. Er wurde nach Rom geschickt und erhielt dort eine standesgemäße Ausbildung in Grammatik, Rhetorik und Philosophie, die ihm alle Möglichkeiten auch für eine Laufbahn in der Politik eröffnete.
Im Weg stand Seneca allerdings seine labile Gesundheit. So litt er auch im Jahr 30 an einer Erkrankung der Atemwege, hervorgerufen vielleicht durch das bekannt stickige Klima in der Metropole am Tiber. Glücklicherweise hatte er eine Tante, die mit dem römischen Präfekten von Ägypten verheiratet war. Sie lud den maladen Neffen zur Kur ins Land am Nil ein. Und die energische Tante war es auch, die sich nach erfolgter Genesung tatkräftig um die Karriere ihres jungen Verwandten kümmerte. Dank ihrer exzellenten Beziehungen bekam Seneca ein erstes offizielles Amt in der Finanzverwaltung und damit automatisch auch einen Sitz im Senat. In dieser nach wie vor einflußreichen Versammlung der Adligen wollte es der angehende Politiker wohl besonders gut machen: Er ergriff oft das Wort und setzte unbekümmert in die Tat um, was er bei seinen RhetorikStudien gelernt hatte.
Doch die freie und geniale Rede war in der römischen Monarchie nicht uneingeschränkt erwünscht, schon gar nicht bei einem Despoten wie dem jungen Caligula, der 37, im Geburtsjahr Neros, Nachfolger von Kaiser Tiberius geworden war. Despoten können, wie man weiß, vieles nicht ertragen, vor allem nicht potentielle Konkurrenten. Und so entwickelte Caligula eine fast pathologische Abneigung gegenüber dem so begnadeten Redner Seneca, der bei seinen öffentlichen Ansprachen kein Blatt vor den Mund nahm und sich deswegen fast um Kopf und Kragen redete. Denn Caligula überlegte ernsthaft, ihn auf die lange Liste derjenigen zu setzen, die er mehr oder weniger diskret zu beseitigen gedachte. Zu Senecas Glück ließ sich der Kaiser aber von dem Argument seiner Umgebung überzeugen, der immer kränkliche Seneca werde ohnehin bald sterben. Jedoch rächte sich Caligula mit einer perfiden Kritik an den rhetorischen Fähigkeiten seines Gegners. Senecas Stil, so lautete das kaiserliche Verdikt, sei wie „Sand ohne Kalk“.





