„Es ist ein gigantisches Kreuzworträtsel – aufwendig und mühsam, aber die neu gewonnenen Erkenntnisse entschädigen für alles“, sagt Kilian Fleischer von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Seit 2019 leitet er das Forschungsprojekt „Philodems Index Academicorum“, das der Untersuchung einer Schriftrolle gewidmet ist, die aus der Biblioteca Nazionale in Neapel stammt. Die verkohlten Fragmente wurden neben vielen weiteren Überresten von Schriftrollen in einem Gebäude bei Herculaneum entdeckt, das wegen der Funde „Villa dei Papiri“ genannt wurde. Als im Jahr 79 n. Chr. der Vesuv ausbrach, wurde die Villa wie die anderen Gebäude Herculaneums und des benachbarten Pompejis von den heißen Asche-Strömen verschüttet.
Bereits im frühen 18. Jahrhundert wurden die Reste des antiken Anwesens wiederentdeckt. Bei den Ausgrabungen kamen seltsame Objekte zutage – dass es sich um die Reste aufgerollten Papyri handelte, war zunächst nicht klar, sagt Fleischer: „Man hatte die zu Klumpen verbackenen Rollen zunächst für Kohlebriketts oder Wurzeln gehalten“. Erst als ein solcher Klumpen zerbrach, entdeckte man auf den Bruchstücken Schriftzeichen und begann, sie genauer zu untersuchen. Es zeichnete sich schließlich ab, dass sich in der „Villa dei Papiri“ eine Bibliothek befunden hat. Dass man noch Spuren der Schrift auf den Papyri erkennen kann, basiert Fleischer zufolge auf einem glücklichen Zufall: „Das hat etwas mit der Lage der Villa zu tun“. Demnach waren nur dort die Temperaturen nach dem Vesuvausbruch exakt so, dass die Buchrollen karbonisierten und nicht direkt verbrannten. „Ein paar Straßen weiter vorne oder weiter hinten wären sie vermutlich auf alle Zeit verloren gewesen“, erklärt Fleischer.
Verkohlte Papyrusfragmente im Visier
Gut zwei Drittel der insgesamt etwa 1000 Rollen sind in den vergangenen 200 Jahren zumindest fragmentarisch untersucht worden. Rund 5000 Bruchstücke befinden sich fein säuberlich gerahmt in Neapel in der Biblioteca Nazionale – mal mehr, mal weniger gut erschlossen. Seit zwei Jahren widmet sich Fleischer nun der Entzifferung und Übersetzung der Überreste der „speziellen“ Schriftrolle aus dieser Sammlung. Wie er erklärt, geht man davon aus, dass es sich bei der Villa dei Papiri um ein Anwesen gehandelt hat, das Lucius Calpurnius Piso Caesonius im 1. Jahrhundert v. Chr. erbauen ließ. Caesonius war als ein philosophisch interessierter Mensch bekannt. Überlieferungen zufolge war er der Mäzen des griechischen Philosophen Philodem von Gadara (um 110 v. Chr. bis 40–35 v. Chr.). Man nimmt an, dass der Gelehrte in seiner Villa lebte und arbeitete. Dafür hatte Philodem offenbar seine umfangreiche Bibliothek aus Griechenland mitgebracht. Schriftrollen aus diesem Bestand wurden dann 79 n. Chr. in der Villa verschüttet.





