Blättert der Lokalpatriot indes weiter zu anderen Karten und den vorzüglichen Perso?nen- und Ortsregistern, dann macht er eine relativierende und zugleich das Wissen erweiternde Erfahrung: Er sieht etwa, daß der „fruchtbare Halbmond“ mit Bagdad im Irak, Isfahan im Iran, Nalanda, Mathura und Kanchipuram in Indien, Anuradhapura in Sri Lanka, Chang’an, Kaifeng und Luoyang in Zhongguo (sonst eher als „China“ bekannt) weitaus bedeutendere Schrift- und Wissenschaftszentren aufzuweisen hat. Und was Freiburg selbst betrifft, muß er zur Kenntnis nehmen, wer alles an Philosophen sich ohne sein Wissen des öfteren in Freiburg aufgehalten und es so entprovinzialisiert und internationalisiert hat (selbst Fritz Mauthner ist dabei, Günther Anders wurde vergessen), zu schweigen davon, wie oft die in Freiburg Ansässigen nomadisierend in der Welt umhergeschweift sind. Selbst einem gelernten Nesthocker und Hüttenbewohner wie Martin Heidegger weist das äußerst detaillierte Register eine Fülle von In- und Auslandsreisen nach.
Ebendas aber gehört zu den herausragenden Qualitäten dieses Wunderwerks von Atlas. Er behauptet nicht bloß die in den letzten Jahren zu berechtigtem Ansehen gekommene „interkulturelle Philosophie“ – er praktiziert sie. Und leistet so seinen Beitrag, der Proklamation eines angeblich unausweichlichen „Zusammenstoßes der Kulturen“ (Samuel Huntington) zu widersprechen.
Die Namen der Personen und Orte werden konsequent in den Landessprachen angegeben. Jede eurozentrische Perspektive wird vermieden; Gleichrangigkeit ist selbstverständlich. Dezentrierung unterstreicht die kreative Bedeutung der „Ränder“, die sich selbst nie so definieren. Orte, Kontexte und philosophische Verkehrswege werden sinnfällig. Die Gewöhnungsbedürftigkeit des Atlas sowie leichte Irritationen beim Nachschlagen nimmt man gerne dafür in Kauf.
Der Autor, der hier nach immensen Vorstudien ein Lebenswerk geschaffen hat, gehört zu den philosophischen Nomaden. Er hat in Köln, Harvard, Hawaii, Stanford und Tokio geforscht, in Bochum und Zürich gelehrt und lebt heute nach seiner Emeritierung in Yokohama.
Und hat all der Aufwand auch philosophisch etwas zu sagen? Zwei Modelle, die die Ebene der Karten überschreiten, werden vorgestellt: Zunächst wird der Verlauf der Philosophie- und Kulturgeschichte mit den Vor- und Kontextbedingungen skizziert, danach vier verschiedene Geschichten der Philosophie, etwas forciert nach den vier Himmelsrichtungen geordnet. Die Geographie der Philosophie mündet in eine Philosophie der Geographie.
Das kann man sich in der Freiburger Sektion des „Großen fruchtbaren Halbmonds“ auch so verdeutlichen: Nachdem mit Heidegger lange das Thema „Sein und Zeit“ dominiert hat, geht es nun, etwas weiter gefaßt, um „Sein und Raum“ und selbstverständlich weiterhin um die Zeit.





