Die Ausstellung behandelt die über zwei Jahrhunderte wirkmächtige »fixe Idee«, die Echtheit der prominenten Dichterreliquie wissenschaftlich zu bestätigen. Heute ist Schillers Sarg in der Fürstengruft leer: Umfangreiche DNA-Analysen haben bewiesen, dass keiner der beiden mutmaßlichen Schiller-Schädel tatsächlich dem Dichter zugeschrieben werden kann.
Die Umstände der Bestattung, Bergung und Umbettung von Schillers sterblichen Überresten hatten früh Zweifel an ihrer Identität entstehen lassen. Zugleich nährte die besondere Rolle, die Schiller, beginnend schon zu Lebzeiten, erst recht aber nach seinem Tod als »Dichter der Deutschen« und Identifikationsfigur spielte, das Verlangen nach einem wirklichkeitsnahen Bild des Verewigten. Dabei reicht die Spannweite vom ewig jugendlichen Idealbild bis hin zur scheinbar naturalistischen Totenmaske.
Der Titel der Ausstellung, die von Hellmut Seemann, Präsident der Klassik Stiftung Weimar, konzipiert wurde, verwendet den Begriff der fixen Idee. Damit wird einerseits auf die »idée fixe«, das Leitmotiv, verwiesen, das durch Hector Berlioz in seiner »Symphonie fantastique«, die den Untertitel »Episoden aus dem Leben eines Künstlers« trägt, benutzt wurde, um damit das immer wiederkehrende musikalische Motiv zu bezeichnen. Andererseits findet der Begriff seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in der sich entwickelnden klinischen Psychologie Verwendung. Der Sprachphilosoph Fritz Mauthner hat im psychologischen Teil seines Hauptwerks »Beiträge zu einer Kritik der Sprache« die Beschreibung des Krankheitsbildes geliefert: “Es ist am bequemsten, die fixe Idee eine Aufmerksamkeit zu nennen, die sich allein durch den höchsten Grad und durch die Dauer von der gespannten Aufmerksamkeit gesunder Menschen unterscheidet. […] wer eine fixe Idee hat, der stellt sich gewöhnlich nichts Unsinniges vor, sondern wendet nur einer an sich möglichen oder gar richtigen Idee eine krankhaft gesteigerte Aufmerksamkeit zu. Die Krankheit liegt also im Grade.” Das ursprüngliche Interesse an Schillers Schädel mag verständlich sein, die anhaltende Obsession, mit der die Öffentlichkeit diesem Interesse in 200 Jahren bis in alle Aporien und Absurditäten hinein nachgegangen ist, zwingt dazu, dieses Interesse als eine krankhaft fixierte Idee im Horizont der deutschen Kulturgeschichte zu interpretieren. Eben dies ist die These der Ausstellung.
Mit ihrer Entscheidung, das vom Mitteldeutschen Rundfunk Landesfunkhaus Thüringen initiierte Forschungsprojekt zu unterstützen, bekannte sich die Klassik Stiftung zu ihrer kuratorischen Verantwortung für die in der Fürstengruft bewahrten Relikte ebenso wie zur Verpflichtung der Aufklärung, das, was man wissen kann, auch wissen zu wollen: sapere aude! Die Ausstellung stellt nun die wissenschaftsgeschichtlichen Facetten der Forschung über den Schiller-Schädel und die Ergebnisse des jüngsten Forschungsprojektes einer breiten Öffentlichkeit zur Diskussion.





