Bildungsminister Gove hatte Anfang Januar in einem Gastbeitrag in der Zeitung „Daily Mail“ unter anderem die die in den 1980er Jahren produzierte BBC-Satire „Blackadder“, in der sich Rowan Atkinson („Mr. Bean“) als Anti-Held Edmund Blackadder quer durch die Epochen der britischen Geschichte kämpft, dafür verantwortlich gemacht, dass „Mythen“ über den Ersten Weltkrieg verbreitet würden. Der Krieg werde als „heilloses Durcheinander“ dargestellt, als „eine Serie von katastrophalen Fehlern, begangen von einer abgehobenen Elite“. Laut Gove würden diese Mythen noch immer genährt von „linken Akademikern, die sich darüber freuen, die Rolle Großbritanniens in dem Konflikt in Frage zu stellen“. Der Bildungsminister betonte, der Erste Weltkrieg sei ein „gerechter Krieg“ gewesen. Der Widerstand gegen die Deutschen mit ihrem „schonungsloser Sozialdarwinismus“, ihrem „mitleidlosen Verständnis von Besatzung“ und ihrem „aggressiven Expansionismus“ sei mehr als gerechtfertigt gewesen.
Der Labour-Abgeordnete Tristram Hunt stellte die aus seiner Sicht „krassen“ Äußerungen Goves in einem Artikel in der Zeitung „Observer“ in einen Zusammenhang mit den im Mai anstehenden Wahlen des Europaparlaments. Die Regierung wolle die Erinnerung an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs nutzen, um „politische Zwietracht zu säen“. Den Grund sieht er in der Angst vor dem Erstarken der europafeindlichen Rechtsaußenpartei UKIP (United Kingdom Independance Party). Die britische Linke benötige jedoch keine Lehrstunde in Patriotismus, so Hunt. Britische Gewerkschafter hätten nach dem Kriegsausbruch 1914 früh zum Widerstand gegen Deutschland aufgerufen, bis Weihnachten 1914 hätten sich 25 Prozent der Bergarbeiter freiwillig zum Militärdienst gemeldet.
Hunt verband seine Replik mit einem Parforceritt durch die historische Forschung zum Ersten Weltkrieg. Die Position Goves sei lediglich eine überarbeitete Version der Argumente des Historikers Max Hastings, der im Sommer 2013 – ebenfalls in der Zeitung „Daily Mail“ – schrieb: man müsse einer neuen Generation erklären, dass „der Erste Weltkrieg entscheidend war für die Freiheit in Westeuropa“. Und: „Denjenigen, die die Erinnerungsfeierlichkeiten [für 2014] planen, scheint es fast peinlich zu sein, dass wir den Krieg gewonnen haben und sie sind entschlossen, nichts zu sagen oder zu tun, was Deutschland, unseren heutigen Partner in der EU, verärgern könnte“.
Hastings wiederum, so Hunt, bediene sich beim deutschen Historiker Fritz Fischer. Dieser hatte 1961 in dem Buch „Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914–1918“ dem deutschen Imperialismus die Hauptschuld am Ersten Weltkrieg zugewiesen. Heute gebe es in der Forschung dagegen auch die Meinung, Fischer hätte den damaligen innerdeutschen Widerstand gegen die Politik Kaiser Wilhelms II. vernachlässigt. Zudem habe der Historiker Christopher Clark („Die Schlafwandler“) jüngst die Schuld Serbiens hervorgehoben. Hunt sagte, laut Clark wären die anderen Nationen damals zumindest ebenso imperialistisch gewesen wie die Deutschen. Das „blame game“, das Zuweisen der Kriegsschuld, bezeichne Clark daher als „sinnlos“.





