Für die Opfer war es eine schreckliche Tragödie – für die Archäologie wurde der Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 n. Chr. dagegen zum Glücksfall: Wie in einer Art Zeitkapsel wurden die Strukturen der römischen Stadt Pompeji durch vulkanisches Material konserviert. Bisher wurde deshalb auch den eruptiven Aspekten der Katastrophe die meiste Aufmerksamkeit geschenkt. Man geht davon aus, dass in der ersten Phase des Ausbruchs etwa 18 Stunden lang Bimsgestein auf die Stadt regnete, das der Vesuv aus seinem Schlot gesprengt hatte. Nach einer kurzen Ruhephase kam es dann zur zweiten Eruption, bei der große Aschemengen ausgeworfen wurden. Daraus entwickelte sich dann ein sogenannter pyroklastischer Strom – eine heiße Aschelawine, die Pompeji und seine noch verbliebenen Einwohner verschüttete.
Die Studie der Forschenden um Domenico Sparice vom Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie Neapel (INGV) rückt nun allerdings eine vernachlässigte Komponente der Katastrophe in den Fokus: Im Rahmen des Ausbruchs müssen auch Erdbeben aufgetreten sein. Darauf verweist auch eine historische Quelle: Plinius der Jüngere, der sich beim Ausbruch des Vesuvs in der Region befand, berichtete von Erschütterungen des Bodens. Inwieweit dies zu den Zerstörungen und Todesopfern in Pompeji beigetragen hat, ist allerdings unklar. Denn die vulkanischen und seismischen Effekte traten gleichzeitig oder kurz hintereinander auf, wodurch sich ihre Folgen schlecht voneinander unterscheiden lassen.
Vom Kollaps einer Wand erschlagen
Doch wie das Forschungsteam berichtet, zeichnet sich bei kürzlich ausgegrabenen Gebäudestrukturen und Skelettfunden in Pompeji nun deutlich die seismische Aktivität als Ursache für Tod und Zerstörung ab. Es handelt sich dabei um Entdeckungen in dem Gebäude mit der Bezeichnung “Casa dei Pittori al Lavoro”, das sich im Zentrum der Stadt befindet. “Wir fanden dort merkwürdige Merkmale, die nicht mit den Auswirkungen vulkanischer Phänomene übereinstimmen, die in der vulkanologischen Literatur über Pompeji beschrieben werden. Es musste eine andere Erklärung geben”, sagt Co-Autor Mauro Di Vito vom INGV. Die wichtigsten Hinweise lieferten zwei Skelette, die in dem Gebäude entdeckt wurden. Aus den Untersuchungen ging hervor, dass es sich um die Überreste von Männern im Alter von etwa 50 Jahren gehandelt hat, die offenbar nicht bei dem heißen Aschestrom in der Endphase der Katastrophe gestorben waren, sondern schon zuvor.
„Die Befunde an den Skeletten zeigten schwere Kompressionstraumata, die denen ähneln die von Personen bekannt sind, die von modernen Erdbeben betroffen waren“, schreiben die Autoren. Die Positionierungen der Skelette deuteten dabei darauf hin, dass „Individuum 1“ plötzlich durch den Einsturz eines großen Mauerfragments erschlagen wurde. „Individuum 2″ fiel offenbar ebenfalls dem Kollaps der Baustrukturen zum Opfer. In seinem Fall gibt es sogar einen Hinweis darauf, dass er sich der Gefahr bewusst war und noch versuchte, sich zu schützen: Die Forschenden entdeckten Spuren eines Holzgegenstandes, den er offenbar über sich gehalten hatte.





