Die Antwort auf diese Frage gibt uns Mayor selbst: Durch „wissenschaftliche Anwendung der Vorstellungskraft“ will die Autorin, freischaffende Volkskundlerin und Althistorikerin, der „historischen Gestalt des Mithridates“ nachspüren. Mit anderen Worten: Spekulation soll dort einspringen, wo die Quellen nicht weiterhelfen, Phantasie die Lücken der Überlieferung schließen. Und dort, wo die antike Literatur dunkel raunend Hörensagen kolportiert, greift Mayor begierig nach jedem Strohhalm. Mit solider Quellenkritik hält sie sich gar nicht erst auf. Was daran „wissenschaftlich“ sein soll, bleibt das Geheimnis der Verfasserin.
Wie Mayors Methode funktioniert, verdeutlicht exemplarisch die Geschichte von der Mutter des Mithradates, Laodike. Als ihr Gatte, Mithradates V., 120 v. Chr. plötzlich ermordet wurde, schossen bald Gerüchte ins Kraut, Laodike sei an der Tat nicht gänzlich unbeteiligt gewesen. Auch Mayor verdächtigt Laodike der Mittäterschaft: „Und es spricht einiges dafür, dass auch Königin Laodike an der Verschwörung beteiligt war“, urteilt sie, gestützt auf eine mehr als zwielichtige Quellenlage. Wenige Seiten später ist der Verdacht zur Gewissheit geronnen: Laodike ist eine bösartige Giftmischerin, die ihrem eigenen Sohn, der jetzt König ist, unentwegt nach dem Leben trachtet, weshalb dieser erst einmal das Weite sucht und mit einer Schar jugendlicher Getreuer Jahre damit verbringt, in den Bergen seiner pontischen Heimat zu kam‧pieren.
Überhaupt ist Gift das – gar nicht einmal so schlecht gewählte – Grundthema des Buches. Viel Platz widmet Mayor dem geradezu wissenschaft‧lichen Umgang des Königs Mithradates mit Heil- und Giftpflanzen, seinem Herumexperimentieren mit Giften und Gegengiften. Die Vermutung, dass sich sein Überleben ganz wesentlich dieser Kunst verdankte, ist nicht unbedingt abwegig. Jedoch führen die vielen Exkurse zu dieser Materie allzu oft vom eigentlichen Protagonisten der Geschichte fort. Obendrein ist die Arbeit gespickt mit Redundanzen und seitenlangem Referieren von Grundsätzlichem.
Während Mayor so ihren recht dürftigen Stoff über Gebühr aufbläht, leidet der erzählerische Faden eher unter Kurzatmigkeit. Der Verfasserin gelingt es selten, Argumente systematisch zu entwickeln. Unzulänglichkeiten offenbaren sich auch im Formalen: Quellenverweise führen an die falsche Stelle, Zitate werden nicht konsequent nachge‧wie‧sen. Wichtige Forschungsarbeiten (etwa Attilio Mastrocinques Studie zu den Mithradatischen Kriegen) scheint Mayor nicht zu kennen. Schließlich irritiert die moralische Selbstgerechtigkeit, mit der die Verfasserin über Fachkollegen und vor allem die Figuren ihrer Geschichte urteilt: Grautöne zwischen Schwarz und Weiß haben keinen Platz in diesem eigentlich überflüssigen Buch. Prof. Dr. Michael Sommer





