Auslöser hierfür war der Thronwechsel im Jahr 1858. Die Regierungsunfähigkeit König Friedrich Wilhelms IV., der wie ein Schirmherr der Konservativen agiert hatte, stürzte die Partei in eine tiefe Krise. Einer Regentschaft seines Bruders, des späteren Wilhelm I., widersetzten sich die Konservativen lange und erbittert, verhindern aber konnten sie diese nicht. Wilhelm setzte eine neue, liberale Regierung ein. Diese „Neue Ära“ bedeutete für die ehemalige Regierungspartei den politischen Absturz: Die Zahl ihrer Abgeordneten schmolz, der Protektion von oben beraubt, bei den folgenden Wahlen auf ein Dutzend. Für die Partei wurde es zur Überlebensfrage, eine breitere Wählerschaft zu gewinnen.
Treibende Kraft war der sozialkonservative Flügel, der konzeptionell an einer Lösung der „Sozialen Frage“ interessiert war. Angeführt wurde er von Hermann Wagener (1815 –1889), der größten politischen Begabung der Partei neben Otto von Bismarck. Er war 1848 Gründungsredakteur der ersten erfolgreichen konservativen Tageszeitung, der „Kreuzzeitung“, und seit 1863 enger Vertrauter und sozialpoli‧tischer Berater des preußischen Ministerpräsidenten und späteren Reichskanzlers.
Als Adressaten ihrer Propaganda fassten die Sozialkonservativen jene Bevölkerungsgruppen ins Auge, die sich von der industriellen Revolution und der Liberalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft bedroht sahen, vor allem verarmende Handwerker, kleine Bauern und Grundbesitzer. Diese verunsicherten Gruppen versuchten sie durch ein klares Feindbild zu emotionalisieren und an die Partei zu binden. Ihren politischen Gegner, die Liberalen, die sich seit Jahrzehnten für bürgerliche Freiheit und eine rechtliche Gleichstellung der Juden (im Sinn der später zurückgenommenen Emanzipationsgesetzgebung von 1812) engagierten, setzten die So‧zialkonservativen kurzerhand mit den seit Jahrhunderten stigmatisierten Juden gleich.
Den Liberalen nachzusagen, sie setzten sich ausschließlich für die Juden ein, sie würden von den Juden finanziell und politisch gelenkt, ja seien selbst Juden, war erheblich leichter, als sich öffentlich mit ihren politischen Konzepten auseinanderzusetzen. Der Antisemitismus als Erklärungsmodell, das die Komplexität der modernen Welt verringern sollte, und die Warnung vor dem „jüdischen Liberalismus“ wurden in den folgenden Jahren für die sozialkonservative Publizistik zum festen Bestandteil einer Politik, die dar‧auf zielte, weitergehende Liberalisierungen von Staat und Gesellschaft zu verhindern.
Systematisch begannen die Sozialkonservativen nach 1860 in allen ihren Publikations‧organen – dem 23-bändigen „Staats- und Gesellschaftslexikon“, der Wochenschrift „Berliner Revue“, der Tageszeitung „Preußisches Volksblatt“, dem „Kalender des Preußischen Volksvereins“ sowie dem Satireblatt „Der Kleine Reaktionär“ – ihren Adressaten einzureden, deren ökonomische Lage habe etwas mit „den Juden“ zu tun. Zeitweise druckten manche der Blätter ausschließlich antisemitische Beiträge ab, so dass man von ihnen als den ersten antisemitischen Zeitschriften sprechen muss. Das von Otto Glagau bekannte Schlagwort aus dem Jahr 1879: „die Soziale Frage ist die Judenfrage“, war nur noch die pointierte Form dessen, was sozialkonservative Organe seit 1860 verbreiteten.





