Auch Schattenseiten der „queeren“ Bewegung erwähnt Gammerl, etwa die eugenischen Überzeugungen von Magnus Hirschfeld oder Johanna Elberskirchen im späten Kaiserreich. In der Weimarer Republik wird es noch unübersichtlicher. Denn „die“ Linke war keineswegs für die Liberalisierung des berüchtigten Strafparagraphen 175, der beischlafähnliche Handlungen unter Männern mit Zuchthaus bedrohte, bevor er unter den Nationalsozialisten verschärft und zu vieltausendfachen KZ-Einweisungen genutzt wurde.
Die historische Wahrheit ist: Unter den Aktivisten der sexuellen Liberalisierung in Deutschland sind alle politischen Strömungen anzutreffen, inklusive Antisemiten und Rassisten. Umgekehrt entfaltete der Nationalsozialismus eine erhebliche Liberalisierungswirkung im Bereich der (Hetero-)Sexualität, wie Dagmar Herzog in vielen Studien nachgewiesen hat. Diese irritierenden und daher so wichtigen historischen Erkenntnisse kommen bei Gammerl zu kurz, da sie nur schlecht in Bewegungsgeschichten passen, die gerne auf kontinuierliche und nachhaltige Erfolge verweisen.
Gammerl spricht durchaus einige markante Gegenläufigkeiten in der Geschichte der Sexualität in Deutschland im 20. Jahrhundert an: die Gleichzeitigkeit von Stigmatisierung, Emanzipation und Normalisierung. Einzelne Gruppen verschaffen sich meist auf Kosten anderer mehr Freiheiten, so geschehen während des Eulenburg-Skandals 1906 bis 1909 oder nach der Röhm-Affäre 1934, die als Katalysatoren heterosexueller Liberalisierung auf Kosten der Homosexuellen angesehen werden können. Aber auch heute wird das schwule Ehepaar, die lesbische Regenbogenfamilie sowie der/die körperlich attraktive Transmann/Transfrau oft auf Kosten derjenigen idealisiert, die solchen Ansprüchen nicht genügen oder sich nicht in neue Schemata bürgerlich-kapitalistischer Ordnungsvorstellungen pressen lassen wollen. Hier springt besonders das Problem fehlender Belege ins Auge, wodurch der Essay zwar gut zu lesen, aber wissenschaftlich nicht nutzbar ist: Von welchen Forscherinnen und Forschern Gammerl die vielen Erkenntnisse und schönen Gedanken übernommen hat, macht er nicht kenntlich.
Zu kurz kommt leider auch die unheimlichste Schattenseite der sexuellen Aufklärung und Liberalisierung in Deutschland: Die personellen und strukturellen Netzwerke von Pädophilie-Aktivisten sind erst ansatzweise erforscht. Bei Gammerl finden sich Hinweise dazu auf einer knappen Seite. Dies macht deutlich, dass gleichberechtigte Sexualität ohne Machtgefälle ein Ideal ist, sexuelle Freiheit aber nie ganz ohne strafrechtliche Einschränkungen auskommen wird.
Rezension: Dr. Norman Domeier
Benno Gammerl
Queer
Eine deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis heute
Carl Hanser Verlag, München 2023, 272 Seiten, € 24,–





