Ein Team um Manuel Eisner von der University of Cambridge beschäftigt sich mit sehr alten Kriminalfällen. Dabei handelt es sich um unnatürliche und verdächtige Todesfälle, die sich im 14. Jahrhundert in England zugetragen haben, vor allem in London, Oxford und York. Um diese aufzuklären, sichten die Forschenden historische Dokumente in lateinischer Sprache, darunter private Briefe, Berichte der Gerichtsmedizin und Ermittlungsnotizen der Polizei für die Geschworenen vor Gericht. Einen dieser mittelalterlichen Cold Cases haben die Kriminologen nun gelöst.

Der Tote in diesem Fall war der Priester John Forde, der im Jahr 1337 öffentlich niedergemetzelt wurde. Während ein Mann dem Pfarrer mit einem 30 Zentimeter langen Dolch die Kehle durchschnitt, stachen zwei weitere mit langen Messern auf seinen Bauch ein. Der Mord fand an einem Freitagabend, noch vor Sonnenuntergang, in der Nähe der St Paul’s Cathedral auf einer belebten Straße in London statt: Der zentrale Stadtteil rund um die Straße Westcheap, heute Cheapside, mit seinen Märkten, Werkstätten und Tavernen war damals Handelszentrum, Partymeile und zugleich Austragungsort verschiedener Bandenkämpfe und „Mord-Hotspot“, wie das Team erklärt. Die Hinrichtung an Forde in Eigenjustiz war demnach nur eine von vielen, die in diesem Viertel abends und an Sonntagen verübt wurden – und doch etwas Besonderes.
Auftragsmord aus Rache
Denn die Ermittlungen von Eisner und seinen Kollegen ergaben: Der Mord war kein üblicher, aus dem Ruder gelaufener Handwerker-Streit, sondern ein kaltblütiger Auftragsmord. Befohlen hatte ihn die ehemalige Geliebte des Priesters, die Adelige Ela Fitzpayne aus Südwestengland. Von dieser und weiteren außerehelichen Affären der Frau hatte der Erzbischof von Canterbury, Simon Mepham, erfahren und Fitzpayne daraufhin zu jahrelanger Buße für den Ehebruch gezwungen. Beispielsweise verlangte der Erzbischof, dass die Adelige jeden Herbst barfuß quer durch die Kathedrale von Salisbury ging – als eine Art öffentlicher „Walk of Shame“. Zudem musste sie jahrelang hohe Summen an Mönchsorden und Arme spenden und durfte keinen Schmuck tragen, wie aus den Briefen hervorgeht. „Versuche, Ela Fitzpayne öffentlich zu demütigen, könnten Teil eines politischen Spiels gewesen sein, da die Kirche ihre Autorität durch Moral dem Adel aufzwang“, erklärt Eisner.
Die Frau befolgte nicht alle Bestrafungen und 1333 starb der Erzbischof, doch die Verleumdung durch die Kirche hallte nach. Fitzpayne sann offenbar auf Rache für die Demütigung und gab 1337 den Mord an ihrem Ex-Geliebten in Auftrag. Ihre Motive waren eine Machtdemonstration der Adels-Elite und auch von Ela Fitzpayne persönlich gegenüber der Kirche sowie Rache an Forde, schließen die Kriminologen aus den Unterlagen. Die Frau vermutete oder wusste demnach, dass Forde selbst dem Erzbischof von der Beziehung erzählt, sie denunziert und die Buße ins Rollen gebracht hatte. Zudem wurde Forde von der Kirche nicht für seine Affäre bestraft.





