Die Patrouillengänge der wenigen Wachen, die an Weihnachten 1950 die Abtei von Westminster hüteten, wussten Ian Hamilton, Gavin Vernon, Kay Matheson und Alan Stuart zu umgehen. Den 152 Kilo schweren Stein unfallfrei aus seiner Halterung im „Coronation Chair“ zu entfernen, erwies sich jedoch als unlösbare Aufgabe: Er fiel zu Boden – und brach entzwei.
Reichlich unspektakulär kommt der Gesteinsblock aus Old-Red-Sandstein, dessen Herkunft Geologen in der Gegend um Scone verortet haben, auf den ersten Blick daher. So grob, beinahe nachlässig, behauen ist er, dass es Experten bis heute schwerfällt, die Arbeit zu datieren. Doch nicht nur die Arbeit des Steinmetzes war von keiner besonders hohen Qualität. Zahlreiche Beschädigungen weisen darauf hin, dass nicht immer sorgsam mit dem Stein umgegangen wurde. Nicht zuletzt weisen Anzeichen der Verwitterung darauf hin, dass er zumindest einen Teil seines Lebens an einem Ort aufbewahrt wurde, an dem er den Einflüssen von Wind und Regen ausgesetzt war. Und doch hat dieser seltsame Stein eine besondere Bedeutung – nur was für eine?
Darüber, wie schottische Königserhebungen im Mittelalter abliefen, geben die zeitgenössischen Quellen nur wenig Auskunft. Erst die um 1285 entstandenen „Gesta Annalia“ liefern einen ausführlichen Bericht, der die 1249 erfolgte Inthronisierung von Alexander III. schildert. Darin heißt es, dass die Magnaten und Prälaten des Königreiches den erst siebenjährigen Jungen zu einem Kreuz auf dem Friedhof von Scone Abbey (im heutigen schottischen District Perth and Kinross, rund 80 Kilometer nordwestlich von Edinburgh) geführt und ihn dort auf einen Stuhl („cathedra“) gesetzt hätten.
Der Bischof von St. Andrews und seine Assistenten hätten ihn anschließend geweiht („consecrarunt“), die schottischen Magnaten daraufhin das Knie gebeugt und ihm ihre Gewänder zu Füßen gelegt. Zuletzt habe ihn ein Schotte aus den Highlands („scotus montanus“) auf Gälisch als König begrüßt und ihm die Reihe seiner Vorgänger aufgezählt.
Neben dem befremdlichen Krönungsort auf dem Friedhof fällt an der Erzählung vor allem auf, was nicht geschah: Weder wurde der Junge gekrönt, noch wurde er gesalbt – und beides hatte seine Gründe. Zum einen spielte eine Krone im schottischen Königtum lange überhaupt keine Rolle. Erst Alexander II. (reg. 1214–1249) ließ sich mit einer Krone abbilden. Bei der Krönung seines Sohnes kam diese dennoch nicht zum Einsatz.
Was die Salbung angeht, so gestaltete sich die Sache noch etwas schwieriger. Wohl wissend, dass sie als Symbol des Gottesgnadentums ein wichtiges Zeichen seiner Souveränität als Herrscher war, hatte Alexander II. beim Papst um die Erlaubnis gebeten, gesalbt zu werden. Doch vergeblich: Zu groß waren die Zweifel des römischen Bischofs, dass Alexander wirklich ein König von Gottes Gnaden war – und nicht dem englischen König untertan.





