Das Jahr 1411 war für Brandenburg ein schicksalhaftes Jahr: Der Burggraf von Nürnberg, Friedrich VI. von Hohenzollern, wurde von König Sigismund I. als „Hauptmann“ und Verwalter des Landes eingesetzt und trieb die Konsolidierung der Mark voran. Später sollten sich über Wilsnack, ein in der Prignitz gelegener, europaweit bekannter Wallfahrtsort, überregionale und internationale Beziehungen entwickeln. Noch heute zeugen mächtige Kirchenbauten, Stadttore und prächtige Rathäuser vom wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung – die Stadt Brandenburg an der Havel mit seinen gut erhaltenen spätmittelalterlichen Bauten mag das veranschaulichen. Heute jedoch sind die künstlerischen und kulturellen Leistungen aus der Mark Brandenburg in Vergessenheit geraten und werden von der Blüte Preußens im 17. Jahrhundert überlagert. Erstmals werden nun Kunstwerke aus der Zeit von 1411 bis zur Einführung der Reformation um 1530 in der Ausstellung „Märkische Kunst – Bilderwelt des Mittelalters“ präsentiert. Darunter finden sich zahlreiche meisterhaft gearbeitete, nahezu unbekannte Kostbarkeiten wie der filigrane Flügelaltar aus der Dorfkirche Trippigleben, der um 1520 angefertigt wurde. Die zum Teil eigens restaurierten Ausstellungsstücke – es handelt sich dabei um Leihgaben aus dem Stadtmuseum Berlin, dem Nationalmuseum Stettin und dem Altmärkischen Museum Stendal – stammen aus allen Landesteilen der damaligen Mark, so aus der heute zu Sachsen-Anhalt gehörenden Altmark und der polnischen Neumark. Ein eigener Ausstellungsbereich samt Restaurierungswerkstatt demonstriert moderne Restaurierungs- und Konservierungsmethoden sowie die Techniken, mit denen die fragilen Kunstwerke geschaffen wurden.
Im Verbund mit der großen Schau „Märkische Kunst – Bilderwelten des Mittelalters“ ist außerdem die Ausstellung „geSchichten und beFunde – Mittelalterliche Sakralkunst neu entdeckt“ zu sehen. Ein bedeutender Bestand an mittelalterlichen Tafelmalereien, Skulpturen und liturgischen Geräten – alles Stücke aus ein in den letzten 100 Jahren zusammengetragenen Sammlung – wurde um einige jüngst restaurierte Exponate erweitert. Besonderes Gewicht legt die Ausstellung auf die Vorführung moderner kunsthistorischer und materialtechnischer Arbeitsweisen. Mit der Hilfe naturwissenschaftlicher Untersuchungen konnten Alter und Herkunft des Materials von Holz- und Sandsteinskulpturen bestimmt werden. Diese Ergebnisse geben wiederum Aufschluss über kulturelle und wirtschaftliche Verflechtungen der Mark Brandenburg mit anderen Kulturlandschaften. Gerade die Analyse der Gewänder förderte Erstaunliches zutage: Die Stoffe stammen aus Italien, dem Orient und sogar der Mongolei.
Eine dritte Ausstellung „Die Quitzows im Bild der märkischen Geschichte“ beschäftigt sich mit Geschichtsbildern vom brandenburgischen Adelsgeschlecht Quitzow, das vor den Hohenzollern eine der mächtigsten brandenburgischen Familien war und im Umland von Berlin lebte. Bis heute ist vor allem die von den Hohenzollern geprägte Lesart bekannt, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert als Teil des Hohenzollernkults Eingang in Kultur und Literatur fand und nicht zuletzt von Schriftstellern wie Karl May und Theodor Fontane verbreitet und popularisiert wurde. Demnach gelten die Quitzows als Gegner von Recht und Ordnung und Unterdrücker der Mark. Das änderte sich, als Friedrich I. von Hohenzollern 1411 die Verwaltung der Mark Brandenburg übernahm. Er bekämpfte die rivalisierenden lokalen Adligen, darunter die Quitzows, und ließ 1414 die Burg Friesack mit der „Faulen Grete“, einem riesigen Steingeschoss, beschießen. Damit sei die „wilde“ Mark Brandenburg befriedet und der Grundstein für den späteren preußischen Staat gelegt worden. Freilich ist dieses Geschichtsbild mit Legenden durchsetzt; gerade die Bezeichnung der Quitzows als Raubritter wird heute angezweifelt. Die Ausstellung beleuchtet anhand von seltenen Exponaten wie Briefen und Portraits die Familiengeschichte der Quitzows. Handschriften brandenburgischer Geschichtsschreiber illustrieren die Entwicklung des preußischen Geschichtsbildes. Daneben können militärische Ausrüstungsgegenstände und ein Geschütz aus der Zeit um 1400 bestaunt werden





