Dass die Historikerin Larissa Wegner sich vordringlich mit den von der 6. Armee besetzten nordfranzösischen Gebieten befasst, ist nicht nur der umfangreichen Überlieferung an Quellen geschuldet. Bereits während des Krieges wie auch noch danach wurde das von den Deutschen okkupierte und vier Jahre lang verwaltete „Nordfrankreich“ gleichsam zum „Synonym für die gesamte Besatzung“, und dies im doppelten Sinn: Während die französische Seite hier exemplarisch die Verbrechen der Besatzungsherrschaft manifest sah, bemühten sich die Militärverwaltungen wie später noch die deutschen Nachkriegsregierungen, derartige Vorwürfe zu entkräften und die „Normalität“ der Kriegsjahre herauszustellen.
Die Realität der Besatzung sah indes anders aus. „Das Heer versorgen und die Heimat entlasten“ wurde zur bestimmenden Devise für das nordfranzösische Etappengebiet in seiner Verbindung zwischen dem „aktiven Heer“, also dem eigentlichen Kampfgeschehen, und der vom Krieg zunehmend gezeichneten Heimat. Anschaulich skizziert die Autorin Struktur und Aufgaben der Besatzungsverwaltung, deren Realität von permanenten Widersprüchen bestimmt war. Die militärischen ebenso wie die zivilen Behörden zeigten sich von der doppelten Aufgabenstellung (Versorgung von Heer und Heimat) heillos überfordert.
Das Ergebnis war ein „unerbittlich geführter Wirtschaftskrieg“ – für Wegner der „eigentliche Totalisierungsprozess“. Nordfrankreich wurde, nicht zuletzt wegen der durch die britische Seeblockade bewirkten katastrophalen Versorgungslage in Deutschland, zu einem vordringlichen Ausbeutungsziel. Das galt für den Abtransport von Nahrungsmitteln und Rohstoffen ebenso wie für die Erhebung von Steuern, um so die Kriegführung des Reiches zu finanzieren und nicht zuletzt auch für einen rigiden „Arbeitszwang“. Sofern überhaupt Bedenken bestanden, wurden diese stets „den eigenen Interessen untergeordnet“.
Wegner schreibt die Geschichte der deutschen Besatzungspraxis im besetzten Nordfrankreich aus der Perspektive der Okkupationsmacht. Sie nennt dies bescheiden einen „Versuch“. Er ist ihr gelungen. Dabei rückt die Sicht auf die leidvoll geprüfte Zivilbevölkerung keinesfalls in den Hintergrund. Erst durch die Betrachtung der deutschen Besatzungspolitik werden die Dynamiken der Gewalt und deren Auswirkungen auf die Menschen evident. Der stets mit Blick auf die Heimat geführte Wirtschaftskrieg, der mit rücksichtsloser Ausbeutung aller vorhandenen Ressourcen und brutaler Zwangsarbeit einherging, wurde zu einem bestimmenden Faktor der Besatzungsherrschaft. Dennoch überrascht, wie intensiv sich die Militärs mit kriegsrechtlichen Fragen, etwa den Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung, zur Rechtfertigung ihrer Maßnahmen befassten. Schlussendlich bestimmte die „militärische Notwendigkeit“, also ein rücksichtsloses Kontroll- und Sicherheitsdenken, sowie der eingeforderte wirtschaftliche Nutzen für den Besatzer die deutschen Entscheidungen.





