Vergeblich hatten die österreichische Polizei und die Zensur versucht, die Premiere von „König Ottokars Glück und Ende“ aus Gründen der inneren Sicherheit zu verhindern. Erst auf Intervention der Kaiserin fand die Uraufführung von Franz Grillparzers „Trauerspiel in fünf Aufzügen“ am 19. Februar 1825 im Wiener Burgtheater statt.
Es kam zwar nicht zu den befürchteten Tumulten. Dass das historische Drama über den Kampf Rudolfs von Habsburg mit König Premysl Otakar II. im ausgehenden 13. Jahrhundert unter den Tschechen im Kaisertum Österreich gleichwohl auf entschiedene Ablehnung stieß, war unübersehbar. Der Böhmenkönig als überheblicher Rechtsbrecher, der seinen politischen Niedergang maßgeblich dadurch in Gang gesetzt habe, dass er die „wahre Erbin Österreichs“ verstoßen und sich von seiner ersten Gattin Margarete von Babenberg hatte scheiden lassen, der Habsburger dagegen als Allegorie der Rechtmäßigkeit und Charakterstärke – eine solche Deutung war für die Tschechen, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein geistig-kulturelles und nationales Eigenbewußtsein herausbildeten, nicht akzeptabel.
Ihr Bild von Premysl Otakar II. zeichnete wenig später der Historiker und Politiker František Palacký in seiner für die tschechische Nationalbewegung wichtigen „Geschichte von Böhmen“: ein großer, ja beinahe idealer Herrscher, weise, gerecht und tapfer, der nur einen schwerwiegenden Fehler begangen hatte, indem er die Deutschen in Böhmen zu sehr begünstigte und dadurch der Entwicklung des Landes eine unheilvolle Richtung gab. Solche nationalen Interpretationen des umstrittenen Herrschers, der in der tschechischen Literatur meist nach seinem slawischen Namen als Premysl, in der deutschen als Otakar (Ottokar) bezeichnet wird, finden sich keineswegs erst im 19. Jahrhundert. Auch die Zeitgenossen kannten entsprechende Deutungen. So stützte sich Grillparzer vor allem auf die „Steirische Reimchronik“, eine ausgesprochen antiböhmische Darstellung, die den Premysliden einseitig als Usurpator und Rebell beschrieb. Für den Verfasser des vor 1300 entstandenen „Chronicon Colmariense“ wurde gar dem slawischen „Barbaren“ und angeblichen Feind der Deutschen 1278 von Rudolf der Glanz deutscher Waffen (gloria armorum Theutonicorum) vorgeführt – mit einer vor allem von Ungarn geprägten Streitmacht wohlgemerkt, die alles andere als ein prachtvolles Reichsheer war.
Andere Chronisten schrieben umgekehrt den Deutschen alle Katastrophen zu, die nach dem Tod Premysl Otakars II. über Böhmen hereinbrachen. Wie Stechmücken seien sie seither in das Land eingeströmt. Von Vertreibung ist wiederholt die Rede. Ein mitreißendes Bild jener drama‧tischen Jahre vermittelt Bedrich Smetana in seiner 1863 in Prag uraufgeführten Oper „Die Brandenburger in Böhmen“, die natürlich ebenso wie Grillparzers Stück ein Politikum war. Die Zeit solcher Vereinnahmungen und Anfeindungen ist lange vorbei, ebenso wie der Streit um das rechtliche Verhältnis Böhmens zum Heiligen Römischen Reich. Heute wird man sagen können, daß Premysl Otakar II., der „Goldene“ und „Eiserne König“, als Angehöriger der in Böhmen seit dem 10. Jahrhundert regierenden Dynastie der Premysliden und gleichzeitig mächtigster und reichster Reichsfürst sowohl für die tschechische als auch für die ältere deutsche Reichsgeschichte eine der bedeutendsten Herrschergestalten des 13. Jahrhunderts war. Seit der Erhebung Premysl Otakars I., des Großvaters, zum erblichen König und Böhmens zum Königreich (1198) galt der böhmische Herrscher zwar noch als Lehnsmann des Kaisers, aber nicht mehr als Vasall des rex Alemanniae, des deutschen Königs. Dieses Lehnsverhältnis als solches wurde von den böhmischen Königen im Grundsatz anerkannt. Ein Nahverhältnis zum Reich lag dabei durchaus im Interesse der Premysliden. Nicht zufällig war es Premysl Otakar II., dem die Aufnahme des Königs von Böhmen als vollwertiges siebtes Mitglied in das Kurkollegium gelang, die dann 1356 in der „Goldenen Bulle“ Karls IV. fest verankert wurde. Der Böhmenkönig gehört also nicht zu Unrecht in ein deutsches Nachschlagewerk wie die „Allgemeine Deutsche Biographie“, auch wenn er dort 1887 recht einseitig als Reichsfeind etikettiert wurde, der die „Schwäche Deutschlands“ hinterhältig und böswillig ausgenutzt habe.





