Über Theoderichs Herrschaftspraxis sind wir gut durch Hunderte von Briefen informiert, die sein Berater Cassiodor in den „Variae“ überliefert hat. Bisher war diese wichtige Quelle nicht auf Deutsch verfügbar, doch jetzt gibt es eine vom Wiener Mediävisten Peter Dinzelbacher besorgte Auswahl (Heidelberg 2010). Die Briefsammlung ermöglicht uns Einblicke in Theoderichs Entscheidungen in den Bereichen Politik, Kultur, Wirtschaft, Recht und Religion.
Die Wertschätzung etwa, die Theoderich der römischen Kultur entgegenbrachte, lässt sich vielleicht am besten an einem Erlass erkennen, in dem er die antiken Götterstatuen durch einen Aufseher schützen ließ. Er schwärmt, man könne „die in Erz gegossenen Adern betrachten, die in ihrer Anstrengung schwellenden Muskeln, die Nerven angespannt wie zum Schritt, und also den Menschen, gegossen in seine verschiedenen Porträts, dass man meint, er sei geradezu natürlich entstanden.“
Nicht nur die großen Staatsaktionen sind dokumentiert, deutlich wird vor allem die Kleinteiligkeit des alltäglichen Regierungsgeschäfts. So beschied der König einem Offizier, der um seine Entlassung ersuchte: „Dein durch ununterbrochene Mühen verbrauchter Leib, klagst Du, habe Dir eine Gliederschwäche eingebracht, so dass Du, der Du zuvor zu kriegerischen Auszeichnungen geeignet warst, nun jedoch kaum für ein Leben in Ruhe fähig befunden wirst. … Nach längerer Prüfung Deiner Vorhaltungen und ihrer sachlichen Anerkennung gewähren wir Dir … den keineswegs unehrenhaften Ruhestand“, allerdings unter Wegfall des Solds. Oder Theoderich sorgte dafür, dass die bei der Tierhatz Auftretenden angemessen entlohnt wurden (obwohl er das Spektakel selbst ablehnte, weil sich der „Jäger zum Vergnügen der Zuschauer mit seiner Todesgefahr abquält“), ordnete die Verpflegung der Postpferde an oder genehmigte einem Bittsteller einen Kuraufenhalt in Baia, damit er, „durch eine seelische Freude erquickt, leichter die Gesundheit der Glieder erlangen“ möge.





