Als Andreas Vesal am Silvesterabend 1514 in Brüssel als zweiter Sohn des Apothekers Andries van Wesele geboren wurde, da war der ursprüngliche Familienname Witing längst zugunsten des Herkunftsortes Wesel am Niederrhein aufgegeben worden. Schon seit vielen Generationen hatten die „van Weseles” in Brüssel gelebt, zumeist als Ärzte, die eine geachtete Stellung am kaiserlichen Hof bekleideten. Der Großvater des Neugeborenen, Everard, war Leibarzt Kaiser Maximilians und seiner Gattin Maria von Burgund gewesen. Für einen Sohn dieses Everard aus einer unehelichen Verbindung, der auf den Namen Andries getauft wurde, hatten wohl die finanziellen Mittel für ein Medizinstudium nicht aufgebracht werden können, und so mußte er später die eher untergeordnete Stellung eines Hofapothekers einnehmen. Andries van Wesele lebte in bescheidenen Verhältnissen. Er und seine Familie bewohnten ein Haus in einem wenig geachteten Stadtbezirk in der Nähe des „Quartier des Minimes” und des Galgenbergs, dort also, wo sich heute der imposante Justizpalast in Brüssel erhebt. Andreas Vesal aber folgte wieder der Tradition seiner Vorväter. Nach der Lateinschule ging er mit 15 Jahren nach Löwen, und an der dortigen Universität immatrikulierte er sich in der Artistenfakultät, somit also für ein Grundstudium, das außer den Sprachen Lateinisch, Griechisch und wohl auch Hebräisch die Fächer Philosophie und Rhetorik umfaßte. Auf Anraten eines Freundes der Familie wechselte er 1533 nach Paris, um dort das Medizinstudium aufzunehmen. Die Medizinische Fakultät der Sorbonne stand ganz in der weit über tausendjährigen Tradition Galens (129–199), jenes griechischen Gladiatorenarztes, dessen Schriften als unübertreffliche Werke angesehen wurden. Die maßgeblichen Anatomieprofessoren waren Günther von Andernach und Jacques Dubois, der sich Jacobus Sylvius nannte.
Man muß sich den damaligen Anatomieunterricht so vorstellen: Bei den Sektionen von Tierkadavern, manchmal auch von menschlichen Leichen, las der auf seinem Lehrstuhl thronende Ordinarius die entsprechenden Kapitel aus dem Galenschen Werk vor und wies einen Demonstrator an, der mit einem Stock auf die genannten Organe zeigte und der einem weiteren Sektionsgehilfen seine Anweisungen gab. Gelegentlich offenbarten sich allerdings bei Sektionen menschlicher Körper Abweichungen vom gelehrten Text. Diese wurden aber dann rasch als Anomalien bezeichnet oder galten gar – wie Sylvius meinte – als Hinweise auf die Degeneration des Menschen seit den Tagen des Galen. Drohende Kriegswirren veranlaßten Vesal 1536, das Studium in Paris aufzugeben und wieder nach Löwen zurückzukehren. Mit einer eher medizinisch-literarischen Arbeit, einer “Paraphrasis” zur arabischen Medizin des Rhazes, erwarb er den Grad eines Baccalaureus. Den endgültigen Abschluß seines Medizinstudiums plante Vesal aber in Padua. Die ehrwürdige Universität von Padua (1220 gegründet) war zunächst vor allem eine Hochburg der Rechtswissenschaft gewesen, aber seit dem Ende des 14. Jahrhunderts hatte auch die Medizinische Fakultät einen weit über Italien hinaus strahlenden Ruhm gewonnen, so daß Patienten von weither kamen, um hier Heilung zu finden. Im Herbst 1537 kam Vesal nach Padua und legte mit großem Erfolg bereits im Dezember seine Examina ab. Schon am folgenden Tag übernahm er den Lehrstuhl für Anatomie und Chirurgie. Diese beeindruckende Geschwindigkeit des Berufungsverfahrens ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auf das stupende Wissen Vesals zurückzuführen, das er in den Prüfungen gezeigt hatte.





