Wenn Jesus Christus „Gottes Sohn“ ist – ist er dann selbst ein Gott? Ein anderer? Derselbe? Oder steht der „Sohn“ eine Stufe niedriger als der „Vater“? Zweifellos: Die Angelegenheiten des Himmels sind schwer zu fassen. Schon früh haben Christen deshalb über diese und ähnlich verzwickte theologische Probleme diskutiert; später haben sie ihre Antworten in „Glaubensbekenntnissen“, zusammengefasst. Das heutige Christentum stützt sich weitestgehend auf zwei Bekenntnisse, die sich aus mannigfachen Vorformen herausgebildet und gegenüber etlichen anderen Glaubensbekenntnissen durchgesetzt haben. In theologischen Auseinandersetzungen wurden ab dem 4. Jahrhundert immer wieder Konzile einberufen und neue Grundsätze verfasst: „Texte dieser Art sind sozusagen eine Spezialität des Christentums“, sagt Kinzig vom Evangelisch-Theologischen Seminar der Universität Bonn. Seit mehr als fünfzehn Jahren befasst sich der Kirchenhistoriker mit Entstehung und Bedeutung dieser sehr vielgestaltigen Urkunden.
Jetzt konzentriert er sich ausschließlich auf dieses Thema: Auf Grundlage einer umfangreichen Sammlung und Übersetzung von mehreren hundert altgriechischen und lateinischen Glaubensbekenntnissen will er ein neues, als Standardwerk gedachtes Fachbuch zu den Glaubensbekenntnissen erarbeiten. So kann der Experte in früheren Texteditionen erhebliche Fehler nachweisen, die es zu überarbeiten gilt. Hinzu kommt, dass „die frühere Forschung zu stark textfixiert gearbeitet“. Es ging ihr zu wenig um die praktische Bedeutung der Glaubensbekenntnisse im Alltag. Für die frühen Christen waren sie mehr als bloße Buchstaben – so galten kleine Abschriften als Amulett gegen Flüche, böse Geister und Krankheiten.
Auch Wunder waren nicht ausgeschlossen: Kinzig stieß auf die Geschichte eines jungen Mannes in Nordafrika, der bei einem Hauseinsturz starb. Nach stundenlangem Gebet seiner Witwe erwachte der Tote wieder zum Leben – und berichtete, ein Engel habe ihn aus dem Jenseits zurückgeschickt, weil er das Glaubensbekenntnis habe rezitieren können. Schlechter erging es dem Mönch Polychronios in Konstantinopel: Der behauptete im Jahre 681 auf dem 6. Ökumenischen Konzil, ein von ihm verfasstes Glaubensbekenntnis habe die Kraft, Tote wieder lebendig zu machen – als er die darauf herbeigeschaffte Leiche jedoch nicht zum Leben erwecken konnte, wurde er zum Ketzer erklärt und verlor seine Priesterwürde.





