Der Wittelsbacher Ottheinrich von der Pfalz (1502 –1559) gilt als einer der bedeutendsten Reichsfürsten des 16. Jahrhunderts (siehe DAMALS 5 und 6-2002). Er führte die Reformation in seinen Territorien ein, förderte Kunst und Kultur und mischte sich energisch in die Reichspolitik ein. Sogar nach der Kaiserkrone soll er gegriffen haben. Doch in jungen Jahren hatte er ein ganz anderes Leben geführt. Turniere, Tanzen und auch sonst „viel Kurzweil“ erfüllten seine Tage, an Kriegszügen beteiligte er sich mit Vergnügen. Im Alter von 19 Jahren unternahm er eine Wallfahrt in das Heilige Land. In einem Tagebuch hielt Ottheinrich seine Erlebnisse fest. Die Erfahrungen, die er unterwegs machte, sollten noch lange Zeit nachwirken.
Ungewöhnlich war es allerdings nicht, was Ottheinrich erlebte. Zehntausende von christlichen Pilgern reisten im späten Mittelalter nach Palästina, um auf den Spuren Jesu, Marias und der Apostel zu wandeln. Auch Ablässe konnten sie in fast unendlicher Menge erwerben. Adlige Pilger nutzten darüber hinaus die Gelegenheit, Ruhm und Ehre zu gewinnen. Denn die Wallfahrt führte sie mitten in muslimisches, also feindliches Land und war mit Gefahren für Leib und Leben verbunden. Wer sie überstand, hatte eine Probe männlichen Betragens und ein Beispiel ritterlicher Lebensführung gegeben.
Das Abenteuer begann in Venedig. Denn hier stand die erforderliche Infrastruktur zur Verfügung, hier kamen die Heiliglandfahrer aus ganz Europa zusammen, und hier wurden die Weichen gestellt, damit die Reise gelang. Mit kleinem Gefolge, bestehend aus einem Hofmeister, drei weiteren adligen Herren und vier Dienstboten traf Ottheinrich am 3. Mai 1521 in Venedig ein und nahm im Deutschen Haus bei San Bartolomeo Quartier. Die folgenden vier Wochen verbrachte er mit Ausflügen, Besichtigungen und den Vorbereitungen der gefahrvollen Schiffsreise. Dazu gehörte der Einkauf von Matratzen, Küchengeschirr und Handtüchern, Zwieback und Wein, Speck, Wurst und lebenden Hühnern, Gewürzen und allen anderen notwendigen oder nützlichen Dingen, die ihm ein unbekannter Ratgeber aufgeschrieben hatte. An nichts sollte es dem jungen Mann fehlen. Ein Mitreisender erregte sich später darüber, wie die hohen Herren den Tag an Bord verschliefen, bis ihnen ihre feinen Speisen aufgetragen wurden.
Wichtiger als die Lebensmittelversorgung war jedoch die Auswahl eines geeigneten Schiffs und eines vertrauenswürdigen Kapitäns oder Patrons. Mit anderen deutschen, französischen, spanischen, niederlän?di?schen und italienischen Pilgern einigte man sich auf eine sogenannte schwere Galee (galea grossa) und schloß einen Chartervertrag, der in 28 Artikeln die Leistungen des Schiffseigners festlegte, weitere Kosten begrenzte und unnötige Aufenthalte vermeiden helfen sollte. Der Text ist erhalten und wirkt wie ein Knebelvertrag, der dem Patron jeglichen Spielraum nahm. Denn die Erfahrungen früherer Heiliglandpilger hatten gelehrt, daß die Interessen der Seeleute und jene der Passagiere erheblich auseinandergehen konnten. Leicht konnten daraus Konflikte entstehen. Ausgeklügelte Verträge sollten für Abhilfe sorgen. Daß dies nicht immer gelang und meist doch der Patron sich durchsetzen konnte, zeigt das Beispiel Ottheinrichs: Statt der vorgesehenen 100 Passagiere drängten schließlich 130 Pilger auf das Schiff, und auf der Rückfahrt mußte die Reisegruppe nicht acht, sondern 14 Tage auf Zypern warten, ehe der Kapitän die Reise fortsetzte. Die Verzögerung hatte einen einfachen Grund: Auf der Insel im östlichen Mittelmeer luden die Seeleute große Mengen Zucker auf das Schiff, die sie in Venedig verkaufen wollten – ein einträgliches Zusatzgeschäft.





