Wer sie heute erforscht, sieht sich einem großen Vorbehalt gegenüber. Doch Herwig Wolfram verweist auf die interessierte Öffentlichkeit, die von Historikern eine Geschichte erwarte und beanspruchen könne zu erfahren, was sie sich vorstellen, und nicht, was sie sich nicht vorstellen soll.
Der paternalistisch klingende Titel des Buchs bringt die Hauptthese auf den Punkt: Die Germanen waren in jeder Phase ihrer Geschichte Produkte des Imperium Romanum, zuerst in ihrer Formierung, dann als Partner, schließlich als Erben. Ihre Herrschaften waren keine ins Reich verschobenen barbarischen Staatsgründungen, sondern ohne das Römische Reich nicht zu denken. Durch sie „erhielt der unregierbar gewordene Westen eine zwar reduzierte, aber berechenbare Staatlichkeit mit festen Grenzen“.
Der Wiener Historiker hat sein 1990 im Siedler Verlag erschienenes Buch zum Thema überarbeitet bzw. in großen Teilen neu geschrieben. Den Kern, knapp 300 Seiten, macht eine chronologische „Erzählung“ aus; dabei werden die Beziehungen der Germanen zum Römischen Reich, die „Völkerwanderung“ bis zum Hunnen-Sturm sowie die Geschichte der neuen Königreiche bis zum „langobardischen Epilog“ geschildert. Den Abschluss bildet das Kapitel „Die Umgestaltung der beiden Welten“.
Die zwei neuen Einleitungskapitel sind hingegen systematisch gegliedert, sie bieten methodische Reflexionen, klären zentrale Begriffe wie „Ethnogenese“, „Traditionskern“ oder „Narrativ“ und diskutieren, wie man sich Entstehung und Eigenart des germanischen Königtums vorstellen muss oder wie die Christianisierung der Goten verlief. In diesen Teilen hat der im neunten Lebensjahrzehnt stehende Doyen der Wiener Schule der Frühmittelalter-Forschung auch einige Aufsätze aus eigener Feder integriert. Der Darstellungsstil erfordert hier sehr aufmerksames Lesen, denn Wolfram reiht Beispiele, assoziiert, vergleicht, springt in der Chronologie.
Für die Strukturen des spätantiken Imperiums konnte er die neuere Forschung offenbar nicht mehr zur Kenntnis nehmen. Insgesamt aber beeindruckt Wolframs Buch als Summe eines Gelehrtenlebens auch deshalb, weil des Autors Achtung vor den klassischen Arbeiten einer Öffnung für neue, eher dekonstruktivistische Herangehensweisen nie im Weg steht.
Die Identität oder auch nur ungebrochene Kontinuität von Germanen und Deutschen ist längst vom Tisch. Warum die Geschichte dieser durch das römische Imperium zu historischen Akteuren gewordenen „Völker“ und ihrer Reiche aber immer noch von Interesse ist, begründet Wolfram am Ende: Die von ihnen geprägte Völkerwanderungszeit gehört zur Geschichte der deutschsprechenden Nationen, wie sie zugleich Teil der Geschichte aller europäischen und vieler außereuropäischer Völker ist.





