Als sich das römische Reich ausdehnte, drangen römische Truppen oft in entlegene Gebiete vor und wurden dort stationiert – weitab von den Zentren römischer Wirtschaft und Produktion. Das bedeutete auch, dass die römischen Soldaten nicht immer mit rechtzeitigem Nachschub für ihre Ausrüstung rechnen konnten. “Die römische Armee sah sich daher mit einem wachsenden Bedarf an Eigenständigkeit konfrontiert”, erklären Martijn Wijnhoven vom Institut für Archäologie der Tschechischen Akademie der Wissenschaften in Brünn. “Dieser Bedarf war insbesondere entlang der germanischen Grenze, auch bekannt als Limes, von Bedeutung, die sich vom Donauraum bis zur Mündung des Rheins erstreckte.”

Auf Recycling und Reparatur angewiesen
Die römischen Soldarten am Limes mussten nicht nur einen großen Teil ihrer Ausrüstung selbst anfertigen oder anfertigen lassen, sie mussten auch für die Reparatur und das Recycling ihres Materials sorgen. Oft wurden diese Arbeiten in eigenen Werkstätten auf dem Gelände der römischen Garnisonen durchgeführt, aber auch in den angegliederten zivilen Siedlungen, den sogenannten Vici und Cannabae, wie die Archäologen um Wijnhoven erklären. Eine besondere Rolle spielte dabei das Ausbessern der Kettenhemden. Diese aus verbundenen Eisenringen gefertigte Schutzkleidung war wertvoll und aufwendig herzustellen, daher wurden selbst beschädigte Kettenhemden oft mehrfach repariert, wie archäologische Funde ausgebesserter Rüstungen verraten.
Wo und wie das geschah, zeigt nun auf besondere Weise ein vor einigen Jahren in Bonn entdeckter Fund. Archäologen des LVR-Amts für Bodendenkmalpflege im Rheinland hatten zwischen 2008 und 2012 bei Ausgrabungen Teile einer römischen Vicus-Siedlung freigelegt, darunter mehrere Häuser, Werkstätten, Bäder und weitere Infrastruktur. Die Siedlung lag unmittelbar südlich des alten Römerforts Bonna. Im Südteil der Siedlung entdeckten die Archäologen eine Grube, in der ein großes Knäuel Kettenhemden lag. “Obwohl fast das gesamte Eisen schon durch Korrosion abgebaut war, wogen die Überreste insgesamt noch immer mehr als 14 Kilogramm”, berichten Wijnhoven und seine Kollegen.
“Bonner Hortfund ist außergewöhnlich”
Damit ist dieser Fund einer der größten Einzelfunde von Kettenhemden in der römischen Welt, wie die Archäologen berichten: “Der Bonner Hortfund ist außergewöhnlich.” Doch erst jetzt konnte das Team mithilfe von modernsten Durchleuchtungs- und Analysetechniken Näheres zur Beschaffenheit, zum Alter und dem Kontext dieser durch Rost miteinander verklebten Rüstungsreste herausfinden. So enthüllten die Analysen, dass die Kettenhemden aus zwei Arten von Ringen gefertigt waren: Einige Ringe bestanden aus sich überlappendem Eisendraht und wurden durch einen kleinen Niet verschlossen, andere waren direkt als Ring aus einem Eisenblech gestanzt worden.





