Während von dieser frühen Epoche nur vergleichsweise wenige Zeugnisse die Jahrtausende überdauert haben, ist das künstlerische Schaffen der römischen Kaiserzeit – der Gegenstand des jetzt von Bernard Andreae vorgelegten Bandes – ausgesprochen gut dokumentiert. Andreae hat sich für einen Zugriff auf das Material entschieden, der radikal von Coarellis historisch-analytischem Ansatz abweicht: In 48 thematischen Essays führt er seine Leser an ausgewählte Aspekte der Kaiserzeit und ihrer materiellen Kultur heran. Die Themen sind so vielfältig wie die Sujets kaiserzeitlicher Kunst: Säulen der Herrschaft wie „Legitimation“ und „Dynastie“ haben ebenso ihren Platz in Andreaes Panoptikum wie „Frauen“ und ihre Frisuren; Krieg ebenso wie Religion; Natur ebenso wie der „Markt“.
Die Verbindungslinien zwischen den Essays wirken auf den ersten Blick assoziativ, erst bei vollständiger Lektüre entsteht ein Gesamteindruck von römisch-kaiserzeitlicher Kunst, deren Begriff allerdings deutlich enger gefasst ist als bei Coarelli. Stand für den Archäologen aus Perugia die historische Dimension materieller Kultur im Mittelpunkt, so ist Andreaes Darstellung eher konventionell-kunstgeschichtlich orientiert. Das muss kein Nachteil sein, im Gegenteil: So erfährt das Publikum eine Menge an Nützlichem über die Arbeitstechniken antiker Künstler. Andreae diskutiert etwa am Beispiel des „Papyrus Artemidoros“ die Bedeutung von Musterbüchern für das Schaffen römischer Meister – freilich unterlässt er es, auf die hitzige Debatte um die Echtheit des Dokuments einzugehen.
Instruktiv lesen sich insbesondere die Ausführungen über römisches Originialitätsempfinden und das komplexe Spannungsfeld zwischen „Eigenständigkeit“ und „Kopie“, in dem römische Künstler fortwährend operierten. „Die Künstler treten hinter ihrem Auftrag zurück“ – in diesem zentralen Satz Andreaes bündelt sich, aus moderner Sicht, die ganze Fremdartigkeit antiker Kunst, die Anlass zu so vielen Missverständnissen gegeben hat. Auf ganz andere Weise als Coarelli, aber intellektuell nicht weniger tiefgründig, hat Andreae mit seiner exzellent illustrierten Geschichte der kaiserzeitlichen Kunst ein Kompendium vorgelegt, das auf lange Jahre Maßstäbe setzen wird.
Rezension: Dr. Michael Sommer





