Die Römer haben mehrfach versucht, die rechts des Rheins lebenden Germanen-Stämme zu unterwerfen und deren Gebiete als Provinz „Germania Magna“ dem römischen Imperium einzugliedern. Unter Kaiser Augustus führten sie dafür über rund 30 Jahre hinweg wiederholt Feldzüge bis an Elbe und Saale durch. Wo die verschiedenen Feldherren ihre Legionen einst langführten, können Archäologen heute anhand von Funden und schriftlichen Überlieferungen nachvollziehen. Demnach legten die Römer jeweils nach einem Tagesmarsch von 20 Kilometern ein neues Militärlager mit komplexer Infrastruktur an, um jene neue Provinz zu erschließen. Doch nach ihrer vernichtenden Niederlage in der Varusschlacht im Jahr neun nach Christus zogen sich die Römer wieder aus dem rechtsrheinischen Gebiet zurück. Dabei blieben zahlreiche (un)fertige Bauten und Relikte wie Münzen oder Nägel in den Römersiedlungen im freien Germanien zurück.
Einige Jahrzehnte lang lebten die Germanen mehr oder weniger friedlich mit den benachbarten Römern zusammen. Im dritten Jahrhundert nach Christus formierten sich dann jedoch neue germanische Großstämme, die das Römische Reich massiv bedrohten. Um sie abzuwehren, führten die Römer erneut Feldzüge auf germanischem Gebiet durch. Dabei drangen sie abermals bis an die Elbe vor, wahrscheinlich unter Kaiser Caracalla und Kaiser Maximinus Thrax, wie aus den Überlieferungen hervorgeht. Die Schriftquellen beschreiben aber nur spärlich, wann die römischen Feldzüge ins Innere Germaniens genau stattfanden und wie sie konkret abliefen.
Vier römische Marschlager entdeckt
Forschende vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt haben nun erstmals handfeste Belege für die Existenz römischer Marschlager aus dieser Zeit gefunden. Mithilfe von Luftbildern, Satellitenbildern, geophysikalischen Vermessungen, systematischen Ortsbegehungen und Ausgrabungen haben die Archäologen bauliche Relikte der römischen Truppenbewegungen zwischen Nordharz und Elbe gefunden. Mit Metalldetektoren fanden sie zudem über 1.500 Objekte, die ihnen bei der Datierung der Fundplätze halfen – darunter vor allem eiserne Nägel und Bolzen der Legionärssandalen, aber auch Fibelfragmente und Münzen. Es ist das erste Mal, dass solche römischen Zeugnisse aus dieser nordöstlichen Gegend Germaniens aufgefunden wurden – eine archäologische Sensation.
Die Forschenden fanden in den letzten fünf Jahren insgesamt vier Marschlager in Sachsen-Anhalt, darunter zwei bei Aken im Landkreis Anhalt-Bitterfeld, eines bei Trabitz im Salzlandkreis und eines bei Deersheim im Landkreis Harz. Alle vier Lager wurden zu Beginn des dritten Jahrhunderts nach Christus errichtet, wie das Alter der gefundenen Münzen nahelegt. Die baulichen Überreste belegen zudem: Die römischen Marschlager waren hochstandardisierte Anlagen und sahen immer nahezu gleich aus. So war der Grundriss stets ein Rechteck, umgeben von einer Umwehrung mit abgerundeten Ecken. Die Hauptstraßen führten von den Toren in der Wehranlage schnurgerade ins Lagerinnere und waren dabei immer rechtwinklig angelegt. Wo sich diese Straßen kreuzten, lag das Stabsgebäude, die Principia. Die Militärlager besaßen außerdem ein sogenanntes Titulum – einen charakteristischen Spitzgraben mit benachbartem Erdwall außerhalb der Tore. Diese Konstruktion sollte Feinde ausbremsen und fernhalten. Der Graben hatte dafür jeweils einen V-förmigen Querschnitt, war etwa 1,5 bis 1,8 Meter breit und zwischen 1,0 und 1,6 Meter tief.
Wer hat die Feldzüge angeführt?
Die Archäologen wollen die neu entdeckten römischen Marschlager nun weiter untersuchen, um mehr über die Präsenz römischer Truppen im Mittelelbe-Saale-Gebiet zu erfahren. Unter anderem wollen sie herausfinden, unter welchem Kaiser und Feldherren die jeweiligen Marschlager in Sachsen-Anhalt errichtet wurden. Sollte sich dabei die Vermutung bestätigen, dass die Feldzüge in die Zeit des Kaisers Caracalla fallen, würde das den Blick auf die Geschichte verändern. Denn einige Historiker nahmen bislang an, dass Caracalla seine Germanenkriege nur im unmittelbaren Vorfeld des Limes durchführte und gar nicht so weit nach Germanien vordrang.
Quelle: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte





